In unserer Reihe “Aktiv” stellt Zahnräder regelmäßig herausragende muslimische Persönlichkeiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor.
Saloua Mohammed ist Friedens- und Menschenrechtsaktivistin sowie Mitbegründerin der Lifemakers Deutschland. Sie ist zudem eine beliebte Rednerin und fungiert in zahlreichen Communities als Vorbild für bürgerliches Engagement und Partizipation in Deutschland.
Sehr geehrte Frau Mohammed. Sie sind Friedens- und Menschenrechtsaktivistin. Wie kamen Sie zu Ihrer Arbeit?
Die Würde der Menschen zu wahren war schon immer im Fokus meiner Aktivitäten. Vor allem den mittellosen und unterdrückten Menschen ein Sprachrohr zu sein, welches nicht nur für ihre Rechte spricht, sondern sich auch tatkräftig für diese einsetzt, war und ist mein stetiges Ziel. Ich habe schon sehr früh angefangen, kleine und überschauliche Projekte mit meiner Familie oder mit Freunden umzusetzen. Darum, so glaube ich persönlich, wurde ich schon ziemlich früh auf sehr viele Missstände wie Armut, Abhängigkeit oder Gewalt aufmerksam. Es fing im Freundeskreis an. Da war z.B. häusliche Gewalt ein großes Thema. Nicht nur Freundinnen erfuhren diese, sondern auch Freunde, was mich immer sehr mitnahm. Ich stellte mir die Frage, ob das Mitgefühl gegenüber meinen Freunden genügt, oder ein Handeln von Nöten war. Ich entschied mich letztendlich für das zweite. Das prägte u.a. meinen Werdegang. Seitdem setze ich mich intensiv für die Menschenrechte, gegen häusliche Gewalt, gegen Diskriminierung und für den Frieden ein. Je älter ich wurde, desto größer wurde die Fläche, auf der ich tätig wurde. Heute setze ich mich sowohl zuhause in Deutschland, als auch im Ausland für den internationalen Frieden, gegen Rassismus und Diskriminierung, für die Völkerverständigung und vor allem für die Rechte der mittellosen, unterdrückten und kranken Menschen ein. Ich setze mich als Menschenrechtlerin und Friedensaktivistin für alle Menschen aller Coleur, ganz gleich welcher Herkunft, religiöser oder weltlichen Anschauung, ein.
Welche führenden Probleme sehen Sie innerhalb der Familien, den Communities und der muslimischen Jugend in Deutschland? Haben Sie im Rahmen Ihrer Arbeit Erfahrungen diesbezüglich gesammelt?
Prinzipiell weisen Familien und Communities meist dieselben Wehwehchen auf. Sie unterscheiden sich im Detail voneinander, sind jedoch im Großen und Ganzen fast identisch. Auch in der muslimischen Community haben Kinder und Jugendliche altersbezogene Probleme von Schule über Familienstimmung, bis hin zum Liebeskummer. Die muslimischen Kinder und Jugendlichen haben, im Gegensatz zu nichtreligiös erzogenen Kindern und Jugendlichen, zusätzlich noch eine Bürde zu tragen, indem ihnen sowohl von der Familie und der eigener Community, als auch von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft abverlangt wird, so zu sein, wie jeder es sich gerade mal vorgestellt hat, und nebenbei noch ein Islamexperte zu sein, statt einfach nur ein Kind oder ein Jugendlicher. Sie werden von allen Seiten hin- und hergezerrt, bis sie am Ende nicht wissen: Bin ich muslimisch, bin ich deutsch, bin ich türkisch, bin ich arabisch oder bin ich nichtmuslimisch? Anstatt die Kinder Kinder sein zu lassen, und sie langsam und selbstbewusst an das ganze heranzuziehen, bevorzugen manche leider in unseren muslimischen Milieus die Crasherziehung in punkto Religion, und blenden manchmal total aus, dass dieses Kind, welches in Deutschland geboren und hier aufwächst ist, eine ganz andere Konstellation in sich trägt, als ein Migrant. Man fördert von Anfang an nicht das Selbstbewusstsein, welches dieses Kind in sich als gleichberechtigter, deutscher Bürger in sich tragen sollte, sodass man sich in der Pubertät immer mehr darauf fixiert, ein Ausländer mit deutschem Pass zu sein, weil man sich hier nicht angekommen fühlt. Das liegt natürlich nicht nur an der Diasporaerziehung der Kinder seitens der Eltern die einst nach Deutschland migrierten und an ihrer Religion und all den Traditionen festhalten, sondern auch verstärkt an der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft und ihrem Verhalten gegenüber diesen Kindern. Anstatt sie als die Kinder Deutschlands anzuerkennen, stigmatisiert man lieber und zeigt immer wieder deutlich auf: Ihr seid ihr, und wir sind wir. Das findet man nicht nur in der Gesellschaft, sondern, und dies bereitet mir persönlich Bauchweh, auch immer mehr an unseren Schulen. Einige LehrerInnen kommen immer noch nicht damit klar, dass die deutsche Gesellschaft auch Menschen in sich aufgenommen hat, die anders glauben, sich sogar anders kleiden, als dass, was man unter Deutschsein sonst immer verstand, diese jedoch trotzdem deutsche BürgerInnen und in Deutschland geboren und hier aufwachsen sind, deutsch sprechen und auch viele „deutsche“ Reflexe in sich tragen. Statt aus den Kindern und Jugendlichen einen einzigen Typus schaffen zu wollen, sollte man diese Diversität, die sie in sich tragen verstehen, annehmen und fördern. Denn letztenendes kann eine Lehrkraft nie aus einem Mohamed, einem deutschen Muslim mit marokkanischen Wurzeln, einen Max machen. Nicht vergessen möchte ich all die Lehrkräfte, die sich jeden Tag auf‘s Neue für diese Kinder und Jugendlichen, die es nicht immer einfach haben, einsetzen und ihnen immer wieder Mut zusprechen.
Was mich jedoch in der muslimischen Community als Muslimin permanent stört ist, dass sich einige dagegen sträuben, warum auch immer, Fragen und Umstände bei den Jugendlichen aus der muslimischen Community wahrzunehmen und diese mit Feingefühl, Achtung und Wissen zu klären, die eben doch einen “harten Brocken” darstellen. Man nehme die persona non grata unter den Themen: Die Homosexualität. Ein:” Haram, und geh jetzt gefälligst anständig leben!”, reicht absolut nicht und ist den Jugendlichen, die vielleicht auch davon Betroffen sein könnten, nicht fair gegenüber. Man spricht ihnen somit jegliche Intelligenz ab und nimmt ihre Fragen, Gedanken, Sorgen oder auch Ängste nicht wahr. Man verschließt auch seine Augen vor den Jugendlichen, die homosexuell und muslimisch sein wollen. Ich möchte hier keine islamische Jurisprudenz anfechten. Wie alle monotheistischen Religionensgemeinschaften zu diesem Thema stehen, ist mir bewusst. Es geht hier auch nicht um eine Legitimierung. Es geht mir hier um den menschlichen Umgang mit den Betroffenen. Dann hat man solch eine Gruppe von Jugendlichen. Meine Frage an all die Kritiker: Was macht man dann mit diesen? Sie einfach auf der Strecke liegen zu lassen empfinde ich als unverantwortlich und feige, denn man macht es sich somit zu einfach.
Die muslimische Community kann sich solch Themen und Fragen öffnen, und braucht keine Angst zu haben. Manchmal können Jugendliche und Heranwachsende einem die Sprache verschlagen, indem sie Fragen oder Meinungen äußern, die man vielleicht aus Schamgefühl oder Angst nicht selber stellen könnte oder möchte. Das kann man versuchen nachzuvollziehen, da dies auch mit der Erziehung und den Traditionen der älteren Generationen zusammenhängt. Jedoch darf man durch das Schweigen oder Abwürgen solch eine Intelligenz und einen Mut nicht im Keime ersticken lassen, nur weil man in Wahrheit gar keine oder nur die 08/15-Antwort parat hat, die die Jugendlichen mit Kopfschütteln abweisen.
Ein starker Glaube erträgt auch die schärfsten Kritiker. Das sollte das Credo der muslimischen Community sein. Stattdessen konzentriert man sich lieber darauf, wen man als nächstes als Ungläubigen betitelt, ob es erlaubt ist als Frau überhaupt vor Versammlungen zu sprechen und welcher öffentlichen Person man dieses Mal wieder das Wort im Munde verdreht, um diese bloßzustellen. Und das ist absolut nicht die Botschaft einer spirituellen, liebevoll und friedlich gesinnten Religion.
Welche Verantwortung tragen Muslime im Hinblick auf Menschenrechte und “sozialer Gerechtigkeit”? In einigen - sehr wenigen - muslimischen Kreisen herrscht der Gedanke, dass Engagement für die Rechte der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft falsch sei. Stimmen Sie dazu?
Muslime haben dieselbe Verantwortung im Hinblick auf Menschenrechte und sozialen Engagement, wie andersgläubige und -denkende. Auch Muslime sollten lernen, sich und andere erst einmal als Menschen wahrzunehmen. Denn zu denken, als Muslim so oder so auf der Siegerseite zu stehen, ist fatal und widerspricht jeglicher Logik. Muslime sind Menschen mit Ängsten, Hoffnungen, Wünschen und Träumen. Sie sind im Prinzip so, wie alle anderen Menschen auf dieser weiten Welt auch. Was sie von anderen unterscheidet ist ihre Glaubenseinstellung., so wie es bei Christen, Juden, Buddhisten, Hindus usw. auch ist. Der Mensch ist gleich, nur sein Glaube ist anders. Der eine glaubt an den einzigen Schöpfer, der andere glaubt an mehrere Götter, andere wiederum glauben an gar keinen Gott, was auch ein Glaube an sich ist. Zu glauben, nicht zu glauben. Und all das ist zu respektieren. Jeder möge nach seiner Fasson leben und glauben, solang er seinem Menschenbruder Respekt, Verständnis und Frieden gegenüber bringt. Zu denken, man solle als Muslim bloß keinem Nichtmuslim helfen, ist der reinste Schwachsinn. Menschen, die von sich behaupten Muslime zu sein, und solch einen Humbug von sich geben, sollten sich ihres Egozentrismus schämen und noch einmal überlegen, ob sie im Islam denn aufgehoben sind. Denn der Islam ruft seine Anhänger dazu auf, barmherzig, fried- und liebevoll zu den Geschwistern zu sein. Der Mensch ist, ganz gleich woran er glaubt, mein Bruder, allein aufgrund des Menschseins. Weder der Koran, noch die Sunna des Propheten, Friede und Segen seien mit ihm, begrenzen das Wort „Geschwister“ auf den Glauben oder auf die Nationalität, im Bezug auf soziales Engagement oder Barmherzigkeit. Wenn der Prophet, Friede und Segen seien mit ihm, sagt:
„ Das anlächeln deines Bruders ist eine Wohltat.“, meint er meinen leiblichen Bruder? Meinen Glaubensbruder? Oder meinen Bruder in der Menschlichkeit? In vielen Stellen macht uns der Prophet Mohamed, Friede und Segen seien mit ihm, darauf aufmerksam, für unsere Mitmenschen zu sorgen. Mit der Verbissenheit einiger muslimischen Geschwister kann ich genauso wenig anfangen, wie mit der Verbissenheit andere Geschwister, die anderen Glaubens- und Denkrichtungen angehören. Es ist eine Pflicht und eine Selbstverständlichkeit Menschen in Not zu unterstützen und zum Frieden in der eigenen Gesellschaf, aber auch International beizutragen.
Frau Mohamed, Sie sind bei der Jugend für ihre Offenheit und Polarisierung bekannt. Viele bewundern Sie. Welchen Ratschlag würden Sie den Jugendlichen mit auf den Weg geben?
Wenn ich polarisiere, dann nicht um Unruhe zu stiften, sondern um zum Nachdenken und zur Fairness aufzurufen. Ich akzeptiere und respektiere aufrichtig jede Meinung, auch wenn sie mir persönlich gegen den Strich gehen mag, denn ich mache ebenfalls Gebrauch davon „frei Schnauze“ zu sprechen, und lasse mir den Mund weder von Muslimen, noch von Andersgläubigen oder Andersdenkenden verbieten. Ich versuche immer, egal was geschieht, authentisch und meinen Prinzipien treu zu bleiben, denn ein Mensch ohne Prinzipien, so glaube ich persönlich, ist wie ein Segelschiff inmitten des Ozeans, welches sich von den Winden tragen lässt, ohne zu wissen, welchen Kurs es einnehmen soll. Hauptsache, es profitiert von den Winden, egal wie sie wehen. Und das ist nicht mein Fall. Allgemein rate ich vor allem den muslimischen Jugendlichen: Hände weg von Shekh Google und Shekh Wikipedia, und Vorsicht wen man um islamische Meinung fragt. Statt Dummschwätzern Folge zu leisten, sollte man selber die Courage aufbringen sich weiterzubilden und seriöse Quellen anzufragen. Ich rate den muslimischen Frauen endlich selbst das Wort zu ergreifen, und nicht immer andere für sie sprechen zu lassen. Weder die muslimische männliche Stimme, ganz gleich wie religiös diese sein mag, noch die nichtmuslimische Stimme, und hier ganz gleich ob Mann oder Frau, sollen für mich als Frau sprechen. Ich habe einen eigenen Mund, Verstand und eine eigene Seele. Da braucht keiner auf dem weißen Schimmel daherreiten, um mich zu retten. Niemand wird besser wissen, was die deutsche, muslimische Frau empfindet, welche Probleme und Ängste, aber auch Hoffnungen in sich trägt, als sie selbst.
Herzlichen Dank für das Interview!
