Stell dir vor, halte kurz inne und stell dir für einen kurzen Augenblick vor du stündest vor der wohl grausamsten Entscheidung, die ein Leben umspannen kann. Entweder du verlässt deine Heimat und trittst auf eine brüchige Schwelle von restloser Fremde, gehst Schritte hinein in komplette Unwissenheit - oder du bangst zwischen jedem Sonnenauf-und untergang um deine bloße Existenz. „Ich fliehe natürlich!“, würden vermutlich die allermeisten von uns gedanklich aufschreien. Denn der Instinkt des Überlebens ist der wohl menschlichste, das Recht auf Atmen wohl das natürlichste von allen. Deine Heimat, die dir nun nichts weiter als Leid bieten kann, wo sie dir doch einst alle Fragmente deines Erlebten, deines Gelebten und Gefühlten schenkte. Jene Heimat, deren Himmel deine waren, unter der du Tänze deiner Kindheit und Euphorien deiner Jugend platziertest. Obgleich dieser nun mit blutigen Asphalten gepflastert ist, obgleich du ihre einst verkannte Schönheit nun durch tägliche Auseinandersetzungen gänzlich aus den Augen verloren hast, hörst du nie auf sie als einzigen Ort der wahrhaftigen Geborgenheit in dein Bewusstsein zu schreiben. Denn egal wieviel Tod und Schmerz dir dein Geburtsort auch zeigen mag, wieviele Schreie und Raketenbeschüsse Teil der täglichen Geräuschkulisse dort zu sein scheinen, wenn du einem Stück Land deinen Begriff von Heimat gibst, wie sollst du dies nach Jahren revidieren? Parallel zu dem Trennungsschmerz und dem Trauma, aus deiner langjährig gewohnten Umgebung herausgerissen zu werden, kämpfst du in deinem neuen Wohnort mit Argwohn, mit beißendem Misstrauen. Jeder Versuch dem Hagel an Stigmata von Vokabeln wie „der Flüchtling“ oder „diese Sozialschmarotzer“ auszuweichen bleibt vergeblich, denn jedem Ducken folgt ein weiterer skeptischer Blick oder ein vorwurfsvoll zeigender Finger. Manchmal sogar erbarmungslos fuchtelnde Fäuste, die versuchen dir wehzutun. Heime, ähnlich der deinen, gehen in Flammen auf und Menschen, ähnlich wie du, werden getötet. Manchmal jedoch ist das reine Nichtbeachten sogar noch viel qualvoller, als die aktiven Schmähungen in jeglichen Formen. Denn nur zu oft wirst du nicht einmal für so voll genommen, dass man meinen könnte dich zu beachten, geschweige denn zu umsorgen. Niemand fragt nach dir, deinem Wohlergehen oder bietet dir rückhaltlose Hilfe an. Du bist nur ein Flüchtling in diesem neuen, fremden Land und es scheint nur zu oft, als wäre dieses soziale Brandmarken eine ungefragt aufgebürdete Last, die du hier für immer zu Tragen hast. Stell dir also diese Lebenslage vor: Hinter dir dein aufgelöstes Land, vor dir ein losgelöstes Land. Und in keinem von beiden scheint Platz für dich zu sein, wo doch alles was du ersehnst Leben ist.

Ich denke unsere Vorstellungskraft ist weder stark, noch ausgeprägt genug, als dass es den Schmerz all der Flüchtlinge in unseren Köpfen nachzeichnen könnte. Doch allein der ernste Versuch des Auflebens eines intensiven Empathiemomentes lässt uns in andauernder Gänsehaut und unablässigen Gewissensbissen zurückschrecken. Dieses unvorstellbar große Ausmaß an Erschwernis scheint schon Erwachsenen nicht ernsthaft zumutbar zu sein – was aber ist dann mit den Kindern? Den kleinen Wesen, die ihre winzige Fantasiewelt mit härtester Realität tauschen und inmitten von Krieg aufwachsen mussten. Zwischen Militär und Hunger mussten sie all ihre kindlichen Spielerein untergraben und dem brutalen Alltag jeden Morgen ins Auge blicken. Wie schwer ertragbar muss es für ein Kind sein, im Alter von Entwicklung und Neuerkundung allem was ihm je vertraut war, den Rücken zu kehren. Und wie bloß kann man dieser gebrochenen Kriegsgeneration helfen? Eine Antwort wäre in jedem Fall das ambitionierte Projekt „Lichtpaten“, ins Leben gerufen von der MUJOS – der Muslimischen Jugendcommunity Osnabrück. Genau 33 Ehrenamtliche werden nun ein Jahr lang als Lichtpaten agieren, das heißt wöchentlich Zeit mit jeweils einem Kindern aus Flüchtlingsfamilien verbringen, sie vor allem auf emotionaler Ebene stärken und als ihre Schützlinge annehmen. Dabei wird jedem Lichtpaten jeweils ein Flüchtlingskind zugeteilt. Dieses Projekt widmet sich in seinem grenzenlosen Ehrgeiz und seiner Passion all jenen Kindern, die in einem ihnen vollkommen fremden Land, nach der einst gewohnten Sicherheit und Fürsorge auch außerhalb ihrer Familien suchen. Die Kinder, die meist nur wenige Worte der hiesigen Sprache sprechen, mental und emotional noch nicht ganz auf deutschem Boden gelandet sind, aber zweifelsohne den nötigen Eifer und die kindliche Dynamik für das Sichern ihres eigenen, ganz persönlichen festen Platzes innerhalb dieser Gesellschaft in sich tragen. Die Lichtpaten berufen sich auf genau diese Kinder. Die, die meist zwischen gutgemeinten Demonstrationen und teilnahmsvollen „refugees welcome!“ Stickern, die nun schon viele Ecken deutscher Städte zieren, ganz leicht und viel zu schnell vergessen werden. Denn mit dem Erhalt von Asyl ist noch lange nicht alles geschafft und mit einigen kleinen Protesten nicht viel getan. Projekte wie die der „Lichtpaten“ bringen nahezu wortwörtlich helles Licht in all die Dunkelheit, die das Leben dieser Kinder zu umhüllen droht.

Die Lichtpaten sind reale Vorbilder. Helden mitten aus der Riege gewöhnlicher Bürger, die sich in ihrer Freizeit die lückenlose Hilfe von ihnen komplett fremden Menschen zur Herzensaufgabe gemacht haben. Doch dass sie sich vorher nie gekannt haben ist in diesem Fall nicht von Belang, denn das einzige was zählt ist die Humanität, die als Grundintention der Lichtpaten verstanden werden muss. Tatsache ist, dass diese Kinder ihre Arme ausstrecken, hoffend am anderen Ende offene Hände zu berühren, und diese nach Beistand greifenden Finger dank der Lichtpaten nicht ins Leere fassen werden. Die MUJOS vollführen mit diesem gemeinnützigen Projekt einen regelrechten Edelakt an sozialem Engagement. Ein figurativ geballter Schimmer direkt in die Ignoranz unserer Reihen; eine Handvoll zukünftiger Aktivität, die einen großen Teil der vergangenen Passivität geraderückt. Ein Projekt, das unseren Publikumspreis sowie den zweiten Platz in der Kategorie Rookies mehr als verdient hat.

Text: Büsra Delikaya
Bilder: © Tasnim Baghdadi