Der Tag eilt betriebsam an einem vorbei, die fliegende Zeit auf dem Nacken spürend, versucht man völlig gehetzt dem Alltagstrott hinterherzukommen.

Der Arbeitsplatz, die Vorlesung, der nächste Termin – sie geben den Takt an und wir schwimmen gehorsam mit dem leitenden Strom der Monotonie gen Verpflichtungen. Ein Blick auf die Uhr, oder in postmodernem Muslimsein auf die entsprechende App, erinnert an die letzten 55 Minuten des Mittagsgebetes und die regen Überlegungen nach der nächsten Moschee setzen sofort an. Die Hektik des Tages soll nun für einen kurzen Augenblick in tiefen Rukus und langen Sujoods ausharren, das schnelle Leben in einem langsam verstreichenden Moment zwischen Seele und Schöpfer für einige Minuten getilgt werden. Mit hastigen Bewegungen tippen die auf Google irrenden Finger und die Augen scannen beim Laufen diverse Hinweise auf eine Moschee zwischen all den Einfahrten und den beengten Gassen ab. Der Blick bleibt ohne Ergebnis erneut auf der Uhr haften. Minarette? Sicher nicht. Kuppel? Vergebens.

Diese Situation legt erneut dar: Der klassische Typus einer Moschee schwenkt immer in lokaler Abhängigkeit. Denn nicht alle Moscheen gleichen einem Kul-Scharif oder einer Sultan-Ahmet, entsprechen eben nicht immer dem Bild eines riesigen Konstruktes, beschmückt mit zwei emporragenden Minaretten und versehen mit einer gewölbten Kuppel. Es ist nicht allerorts als Gebäude präsent, dessen abweichender Flair in der Luft seiner weiten Umgebung hängt und der zwischen all den anderen graulastigen Häusern jedem Passanten unmittelbar ins Auge sticht. Viele Gebetshäuser der Muslime sind in Deutschland nicht sofort als solche erkennbar. Oder eben benennbar. Ersteres liegt häufig an mangelndem Platz oder finanziellen Mittel, aber auch an nicht erlangbaren staatlichen Baugenehmigungen. Letzteres oft an uns Muslimen. Ein festgefahrenes Gemeindeschema in Moscheen ist ein langwieriges und leider auch beständiges Phänomen in Deutschland. Sich an eine bestimmte Moschee stärker zu integrieren, in die jeweilige Arbeit öfter zu involvieren ist keineswegs zu verurteilen, nein, viel eher lobenswert. Doch oft läuft man nach einiger Zeit Gefahr, das eigene Moscheespektrum verkümmern zu lassen und vergisst, an andere Masjidtüren zu klopfen. Viele ohnehin unscheinbare Gebetsorte werden vergessen, nicht mehr allzu häufig besucht. Die Muslime selbst teilen sich in kompakte Gemeinden auf, doch vermischen sich zu selten. Wir vergessen unsere eigenen Moscheen, beanspruchen sie nicht, lassen sie neben den Augen nun auch aus dem Gedächtnis verstreichen.

Diesem Problem nahmen sich eine Gruppe von jungen Engagierten in München an, gingen wortwörtlich auf aktive Spurensuche. Die Ziele waren unter anderem all jene Hinterhofmoscheen, deren meist wunderschön verzierte Teppichflächen und ansehnlichen Mihrabs (Gebetsnischen) hinter gleichförmigen Eingangstoren und kahlen Bebauungen zu schwinden schienen. Der Name ist bei der Gruppe, bestehend aus 14 Jungen und Mädchen, die unter der Leitung zweier engagierter Erzieherinnen und Studentinnen stehen, Programm.

Denn ihr Projekt „dialogRAUM“ entstaubt unentdeckte Moscheeräume mit belebter Präsenz und schafft in diesen einen laufenden Dialog, auch ohne Worte. Die Unterschiede, die sie während den dutzenden Moscheegängen wahrnahmen, sprachen in allen Tönen für Vielfalt in friedlicher Einheit. Als Muslim bemerkt man durch den permanent angesetzten Fokus auf das „Multikulti“ zwischen einem selbst und den nicht-muslimischen Mitbürgern oft nicht die ungemein große Diversität in den eigenen Reihen, lässt sie unberührt stehen und versucht leider zu selten eine einzigartige Zusammengehörigkeit daraus zu formen. Das Projekt dialogRaum ging Schritte für genau diese Ziele in gekonnter und mit durchdachter Professionalität. Durch aufwändige Recherchen und zahllosen Telefonaten stellten die jungen Muslime im Alter von 13 bis 16 fest, dass viele Münchner Moscheen nicht ausreichend verzeichnet waren. So suchten und fanden sie mit Hilfe von Bekannten all die großen und kleinen Moscheen, bekannten und inkognito Gebetsräume, türkischen oder tunesischen Gemeinden.

Von dem namhaften Masjid in aller Munde bis hin zum kleinen Gebetsraum im Hinterbereich eines Restaurants – alle nur erdenklichen Plätze für ruhige Minuten der Gebetsverrichtung wurden gesammelt und festgehalten. In einem übersichtlich gestalteten Heftchen veranschaulichen sie alle Gebetsräume in jeglichen Formen mit Namen und Adresse. Quasi ein Moscheeführer to go. Auf der gleichnamigen Internetseite kreierten die Jugendlichen mit ihren Leitern Zeinab und Claire zusätzlich eine virtuelle Moschee-Map. Der visuell ausgeschmückte Umriss Münchens ist mit verschiedenen Farben in die fünf Stadtbereiche gegliedert. Mit einem Klick öffnet sich das jeweilige Stadtnetz und Standortmarkierer blinken einem punktuell getreu entgegen. Nun sind all die Gebetsmöglichkeiten mit detaillierter Adresse in portabler Weise aufgelistet. So viel ist sicher: Die zu Beginn beschriebene Situation würde sich mit Hilfe dieses praktischen Gadgets zu einem guten Ende wenden, das Mittagsgebet durch das Heftchen im Rucksack oder der im digitalen Lesezeichen gespeicherten dialogRaum Website auf dem Smartphone, in der nächstliegenden Moschee in Ruhe verrichtet werden. Eine praktische Problemlösung für plötzliche Orientierungslosigkeit.

Die dialogRaum Gruppe nahm Unmengen an jahrelanger Arbeit und großer Mühe auf sich, um eine immense Erleichterung für ihre muslimischen Geschwister zu ermöglichen. Dafür haben sie mindestens einen noch aufgeschlosserenen, noch verschmolzeneren Geist der islamischen Community in München und ganz Deutschland verdient, um so die Aufgeschlossenheit und Friedfertigkeit des Islam gebührend repräsentieren zu können – fernab von enggestrickten Gemeindeverhältnissen nach nationalen Separationen. Und ebenso unseren 2. Platz in der Kategorie Veterans für ihr unsägliches Engagement und diese kreative Projektidee mit ausgezeichneter Umsetzung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text: Büşra Delikaya Bilder: © Tasnim Baghdadi, Mâşite Atik