In unserer Reihe „Aktiv“ stellt Zahnräder regelmäßig herausragende muslimische Persönlichkeiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor. Tuba Isik-Yigit, Juristin und Pädagogin, ist im Vorstand des Aktionsbündis muslimischer Frauen (AmF) und gehört zu den prominenten Einzelpersonen und Akademikern, die in der Deutschen Islamkonferenz vertreten sind. Zahnräder befragte sie zu der Situation muslimischer Jugendlicher in Deutschland.

Tuba Işık-Yiğit ist Magister Juristin und Pädagogin und ist als Einzelperson in der Deutschen Islamkonferenz vertreten.

Während ihres Studiums absolvierte die gebürtige Mainzerin einen universitären Weiterbildungsstudiengang zur Islamischen ReligionslehrerIn an der Universität Osnabrück. Durch diese Fortbildung und Auslandssemester an theologischen Fakultäten in der Türkei liegt ihr Schwerpunkt insbesondere auf Islamischer Religionspädagogik.

Seit Februar 2010 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn. Ein wesentlicher Beitrag von ihr besteht darin, die Etablierung eines Forschungsverbundes „Islamische Theologie“ an der Universität Paderborn mit dem Ziel der Schaffung der Infrastruktur für einen Lehramtsstudiengang „Islamische Religionslehre“ an derselben Universität mitzutragen. Tuba ist als Multiplikatorin des bundesweiten Projekts „Gegen häusliche Gewalt“, der türkischen Tageszeitung Hürriyet ausgebildet und ist eine der Moderatorinen des Jugenddialog 2020 Projektes.

In Bahrain wurde sie in einem Kooperationsprojekt des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten zu einer qualifizierten Moscheeführerin ausgebildet, wo sie vor Ort über zwei Monate insgesamt 1500 deutsche Touristen durch die größte Moschee Bahrains führte. Ferner schult sie sporadisch als freie Referentin in diversen Einrichtungen nicht-muslimische Fachkräfte inhaltlich zum Islam.

Frau Isik-Yigit, wie beurteilen Sie die momentane Situation der muslimischen Jugend in Deutschland?

Ich möchte bewusst eine Defizit orientierte Bestandsanalyse umgehen und ganz klar das große Potenzial, das in den muslimischen Jugendlichen in Deutschland steckt, positiv hervorheben.

Muslimische Jugendliche sind durch zwei manchmal drei Kulturen gepräg. Sie besitzen dadurch eine überdurchschnittliche Empathie- und Adaptationsfähigkeit und verfügen damit über eine in der modernen, globalisierten Welt sehr wichtige Kompetenz, nämlich überall auf der Welt mit Menschen, die ebenso kulturell different aufwachsen, sehr schnell auf einen Nenner kommen zu können und sich auf einer Metaebene besser verständigen zu können.

Muslimische Jugendliche haben zudem durch ihre unterschiedlichen Wurzeln die Chance nicht nur eine, sondern weitere Sprachen gleichzeitig zu erlernen.

Beide Fähigkeiten zeichnen den muslimischen Jugendlichen aus, sofern er diese erkennt und zu stärken sowie zu pflegen bereit ist.

Der Kern, der einen muslimischen Jugendlichen m.E. ausmacht, ist, wie das Adjektiv schon sagt, dass er ein Muslim ist. Das Muslimsein – insbesondere in der Diaspora – birgt eine gewisse Herausforderung, nämlich sich mit den sozialen und allgemeingesellschaftlichen Belangen, den Problemen seines Umfeldes, seiner Umwelt und seiner Mitbürger zu beschäftigen sowie seinen möglichen Beitrag dazu zu reflektieren und zu leisten.

Wie sollten sich muslimische Jugendliche in Deutschland aktivieren bzw. engagieren. Welche Möglichkeiten stehen ihnen in der Hinsicht offen?

Zunächst einmal gibt es in Deutschland eine breit gefächerte Landschaft an Vereinen; für jedes Interesse ist sicherlich etwas dabei. Ausschlaggebend ist nicht, dass der muslimische Jugendliche sich nur in muslimischen Kreisen bewegt, sondern seinen Interessen, Ideen und Zielen als junger Mensch nachgeht und sich Orte sucht, an denen er seinen Zielen näher kommt; diese Orte müssen nicht muslimisch geprägt sein. Wenn sich jemand z.B. politisch engagieren möchte und für bessere Ausbildungschancen kämpfen möchte, dann findet er viele Gruppierungen, die die gleichen Ziele haben und die er sich einbringen kann.

Die Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendgruppen von Parteien, Moscheegemeinden, Stiftungen oder kirchliche Träger sind einige dieser Anlaufstellen. Vorteilhaft ist es sicherlich stadtspezifische Institutionen ausfindig zu machen, da diese die unterschiedlichsten Projekte anbieten und man in seinem unmittelbaren Wohnumfeld tätig werden kann. Hier kann man dann auch relativ schnell den einen oder anderen Erfolg sehen, was wiederum motivierend wirkt.

Wie stellen Sie sich die Zukunft der in Deutschland lebenden Muslime vor? Sind sie da optimistisch?

Diese Frage hängt von so vielen Faktoren ab, dass man nur sehr vage Prognosen stellen kann. Hoffen wir auf Beste und darauf, dass jeder dafür seinen Beitrag leistet, sowohl die staatlichen und die politischen Kräfte als auch jedes Individuum, ob Ursprungsdeutscher oder Migrant.

Vielen Dank für das Gespräch!