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„Wir können etwas bewegen!“ mit diesen Worten eröffnet Kübra Gümüşay in ihrer Keynote die Podiumsdiskussion zum Engagement von Muslimen in Deutschland. Sie zeichnet ein Bild des Glaubens an Veränderlichkeit, einer besseren Zukunft und des ‚Muslim Empowerment‘; doch betont auch das Gefühl der Ausnahmesituation vieler Muslime in Deutschland. Es ist das Gefühl einer fehlenden Stabilität und der Garantie einer besseren Zukunft. Sie bezeichnet es als ‚Hoffnungslosigkeit junger Muslime zwischen Rassisten und Fundamentalisten‘. Viele verfallen in Frustration über die Debatten um Missstände und ihrer Position als ‚Islamerklärbär‘ in der Gesellschaft, der wie ein innerer Zwang Islam zu erklären wahrgenommen wird. Sie stellt auch die Frage, ob es uns an Individualität fehle. Schuld daran sei eine Obsession mit öffentlichem Islambild. Eine Entwicklung, bei dem das radikale Recht „Ich zu sein“ im Spannungsverhältnis mit der Last des „ihr-seins“ steht. Man sei immer noch das Subjekt, auf den ein großes Konstrukt symbolisch geladen wird und trage die Last als Stellvertreter Konzepte verständlich nahezubringen. Es klingt nach einem Gefühl der Ohnmacht und Frustration nicht voranzukommen und immer wieder die gleichen Diskussionen zu führen. Ein Beigeschmack, der sich in der Podiumsdiskussion wiederholt. Was Kübra als „Zahnräder-Flash“ bezeichnet, das Zusammenkommen engagierter Mitglieder der muslimischen Community über alle Grenzen hinweg, erscheint als ein Funken Hoffnung in der Keynote. Sie appelliert darauf, dass man sich vom ‚Islamerklärbär‘ zum Storyteller entwickelt, neue Wege geht, Türen öffnen und diese offen hält für andere, die danach kommen – so wie es die Generationen vor uns gemacht haben. Sie erkämpften vieles, was für uns heute eine Selbstverständlichkeit sei. Man solle Menschlichkeit durch Solidarität erkämpfen und Solidarität heiße solidarisch sein mit anderen marginalisierten Gruppen. Der ‚Zahnräder-Flash‘ blieb auf der Veranstaltung leider aus. Stattdessen entwickelte sich eine sachliche Diskussion schnell zu einem emotional geladenen Thema. Frustrierte Stimmen aus dem Publikum malen ein schwarzes Bild der deutschen Gesellschaft und Politik. Ein Hoffnungsschimmer erklang aus dem Publikum, bei dem eine Teilnehmerin besagte „Man soll sich auch bei etwas engagieren, was nicht den persönlichen Hintergrund ausmacht!“. Zudem erschien es auch, dass alle aufgezeigten Grenzen der entwicklungsbedürftigen Integrationspolitik in Deutschland zu Schulden seien. In einem Rückblick möchten wir mit euch die Inhalte der Podiumsdiskussion reflektieren: Wie geht man mit Shitstorm um? Auf die einleitende Frage der Diskussion antwortet Farah Bouamar aus dem Datteltäter-Kollektiv mit persönlichen Erfahrungen. Sie gründeten das Satirekollektiv auf YouTube um Parole zu bieten. Dafür wählten sie Humor als Methode, den sie als ‚universelle Sprache‘ verstehen. Man wollte ein eigenes Bild kreieren mit einer eigenen Narration. Ob sie bisher an Grenzen gestoßen sind? Nein, aber man habe einige emotionale Grenzen erreicht, die man als Lehre mitnahm und Antrieb für weiteres Engagement. Ihre Methode gegen Shitstorm? „Mit Humor angehen!“ Negative Kommentare nehme man als Impuls für neue Videos. Auch Kübra Gümüşay hat Erfahrungen mit Shitstorms gemacht. Der Verlauf und das Aufkommen von Shitstorms sei für sie jedoch der fehlenden Reaktion der sozialen Plattformen zu verschulden: „Es fehlt eine bessere Reaktion der Plattformen als Prävention von Shitstorms.“ Sie tragen hierbei keinerlei Verantwortung. Sie geht auch auf den Subtext von Shitstorms ein, die immer noch Instrument der Projektion des Hasses aus eine ‚Person als Platzhalter‘ dienen. Man werde immer noch pauschalisiert als Islamist abgestempelt. Gründe dafür sieht sie in der Unbelesenheit lauter Kritiker zu solchen Themen.  Sie fordert „mehr Kritik an laute Kritiker!“ Engagement als Bestandteil muslimischer Kultur? Wo liege der Ursprung für Grenzen und Hürden? Prof. Dr. Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin, sieht bei Muslimen den Vorteil, dass auf ein Forum hoffen können solche Erfahrungen zu teilen. Von der Diskriminierung im Alltag seien bei weitem nicht nur Muslime betroffen. Viele unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft seien gleichermaßen betroffen, was wiederum viele weitere Faktoren in sich zusammenfasst. Allgemein sei Deutschland nicht gut aufgestellt mit Diskriminierung umzugehen. Es bestehe großer Nachholbedarf. In wissenschaftlichen Untersuchungen haben sie einen Paradox der Integration entdeckt – große Sichtbarkeit führt zu zunehmender aggressiver Stimmung. Was die Gesellschaft noch nicht reflektiert habe sei der Wandel Deutschlands zu einem Einwanderungsland. Serap Güler, Staatssekretärin für Integration, betont, dass bürgerliches Engagement entscheidend für Politik und die Demokratie sei. Natürlich gäbe es auch ein großes Engagement in Moscheen ebenso wie in Kirchengemeinden. Kritik müsse hier Maß kennen! Es gäbe scheinbar weniger Engagement muslimischer Gemeinden im Vergleich zu christlichen, da weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stünden. Sie warnt hier vor einer Generalkritik. Dr. Naika Foroutan unterstreicht das Engagement muslimischer Gemeinden vor allem in der Flüchtlingsarbeit. Die mehrheitliche Flüchtlingsarbeit werde von Bürgern mit Migrationshintergrund geleistet. Andere Bevölkerungsgruppen verzeichnen weniger Bereitschaft zur Nähe und ein Gender Diskurs sei hier auch nicht zu vernachlässigen. Wandel durch Diskurs? Kübra Gümüşay stellt heraus, dass ein Wandel mit Sichtbarkeit erreicht werden könne. Es sei ein erster Schritt Richtung Normalisierung. Die Grundlegend zunehmende Akzeptanz konnte dank Diskussionsforen wie diesen erreicht werden. Doch gleichzeitig fordert sie: „Wir müssen aufhören Debatten zu führen!“ Für sie fühlen sich Muslime verpflichtet Islam zu erklären und dieses Verantwortungsgefühl sei wiederum ein Treiber für soziale Engagement. Hier steht jedoch die Frage offen, ob das tatsächlich der Antrieb für die Mehrheit der muslimischen Bürger ist. Dr. Naika Foroutan warnt vor einem Abbruch des Diskurses. Werfe man einen Blick auf den Dreamer-Diskurs in den USA, erkenne man auch dass Agency schütze. Solche Situationen in 10-15 Jahren undenkbar? Auf die Frage, ob solche Tendenzen in 10 bis 15 Jahren undenkbar sein werden, entgegnet Serap Güler, dass die Benennung der Religionsgruppe Moslem „nervig“ sein. „Man wird immer potentieller Terrorist bleiben!“ Der heutige Rechtsradikalismus sei beschämend und ein politisches Programm sei auf allen Ebenen wichtig und notwendig. Hierfür seien auch strukturelle Veränderungen elementar wichtig. Man bräuchte verbindliche Forderungen der Integrationspolitik und müsse rhetorische Signale der Vielfältigkeit senden. Ein großer Fehler sei in den Strukturen zu verzeichnen. Man bräuchte diskriminierungsfreie Verfahren wie zum Beispiel bei der Einstellung von Beamten. Kübra Gümüşay fordert ebenfalls eine Vielfalt auch auf hohen Ebenen. Strukturelle Veränderungen sollen nachhaltig gemacht werden im Diskurs mit muslimischen Bürgern. Dr. Naika Foroutan betont die Notwendigkeit einer Politik, in der das Sukzessive kontinuierlich abgebaut werde. Hierfür bräuchte man eine „Integrationspolitik für alle!“ Immerhin entscheide heute noch der Name vom ersten Tag an über Über- und Unterschätzung. „Die Lehrerausbildung in Deutschland muss sich verändern!“ Auf der internationalen Ebene sei die deutsche Integrationspolitik nicht mehr tragwürdig: „Abschieben auf Subjektive können wir uns nicht mehr leisten.“ Stattdessen spricht sie von einer Bewegung in Richtung für ‚alle‘, einer einheitlichen Integrations- und Antidiskriminierungspolitik für alle Bevölkerungsgruppen. Für Serap Güler fehlen Aktionen für den Wandel zu einem Einwanderungsland, jedoch habe sich die öffentliche Wahrnehmung zu dem Thema in 10 Jahren weiterentwickelt und eine neue Integrationsperspektive geschaffen. Bestimmt ein Pass eine Identität? Die Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland ruft gemischte Reaktionen in der Diskussionsrunde auf. Naika Foroutan positioniert sich in der Diskussion: „Wenn es schiefläuft, möchte ich die Möglichkeit haben abzuhauen und möchte meinen Kindern die Möglichkeit bieten.“ Serap Güler hingegen sieht in dieser Aussage Schwächen und warnt vor ‚Schwarzmalerei‘: „Ich bin auch bereit für mein Land (Deutschland) gegen sowas wie die AfD vorzugehen!“ Brauchen wir Politik speziell für Muslime? Auf die Frage des Publikums, ob Politik nicht die größte Verantwortung trage, entgegnet Serap Güler, dass die Gesellschaft immer noch der wichtigste Akteur sei. „Wenn wir Vielfalt wollen, müssen wir Sie überall einführen.“ Das sei nur möglich mit Beteiligung der Gesellschaft und einer klaren Formulierung von Forderungen. Eine weitere Frage des Publikums hinterfragt warum man von einer gelungenen Integration trotz vorhandener Erfolge nicht sprechen könne. Naika Foroutan weist hier nochmal darauf hin, dass Integration alle betreffe und nicht nur selektive Gruppen. Die strukturelle Veränderung hinke immer noch hinterher. Und sie stellt die Frage in den Raum, ob Sichtbarkeit die Leute provoziere. Kübra Gümüşay weist auf die Chancen dieser Sichtbarkeit hin: „Man muss mitbestimmen und selber Forderungen aussprechen.“ Das Parteiprogramm der AfD bleibt auch in der Fragerunde ein relevantes Thema. Ein Gast weist auf die ‚Verharmlosung‘ ihres Programms und Strategien hin. Sie fühle sich wie zur Zeiten des Nationalsozialismus und Antisemitismus. Für Serap Güler zweifelslos ein krasser Vergleich. Eine Wiederholung der Vergangenheit werde heute nicht zugelassen und man solle hierbei auf die Demokratie vertrauen. Sie warnt nochmals vor einer ‚Schwarzmalerei‘ der derzeitigen Zustände in Deutschland. Wir danken allen Teilnehmern und Gästen der Podiumsdiskussion für ihre wertvollen Beiträge und Denkanstöße. Ein besonderer Dank geht auch an das Organisations-Team für ein abwechslungsreiches und spannendes Rahmenprogramm am Wochenende der Veranstaltung sowie an das Kernteam und den Vorstand für ihre Unterstützung. Die Organisation der Podiumsdiskussion übernahm das Team bestehend aus Assad Dar, Hilâl Göksu, Ammar Çoban, Ilias Bakali und Esra Eres.