Es gibt vieles, was man von einem Gespräch mit den Gründern von Conflictfood Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger lernen kann, aber vor allem beeindruckt ihre Überzeugung: Unternehmertum und soziale Belange schließen sich nicht aus und auch Menschen in Krisengebieten kann man mit einem nachhaltigen Handelskonzept helfen. Ihre Überzeugung ist es auch, die ihnen Motivation und Antrieb zugleich gibt, trotz Hürden und Schwierigkeiten weiterzumachen. Was das genau bedeutet, erfahren wir hier direkt von den beiden.

Interview mit Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger

ZRN: Wie ist die Idee zu Conflictfood entstanden?

Salem: 2015 waren wir in Afghanistan und haben ein NGO Projekt besucht. Dort sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, dass in Afghanistan auch Safran angebaut wird. Also, sehr spannend, das kostbarste Gewürz der Welt wird hier angebaut. Dann kam noch die Info, dass es ein unabhängiges Frauenkollektiv gibt, welches früher Opium und jetzt Safran anbaut. Das fanden wir ebenso spannend und wollten es uns aus Neugierde anschauen. Irgendwann waren wir inmitten dieser Felder, bei der Ernte, bei diesen Frauen, und waren so beeindruckt, dass wir relativ schnell entschieden haben: Wir kaufen den Safran und erzählen über diesen Safran die Geschichte dieser starken und stolzen Frauen.

 

ZRN: Welchen Schwierigkeiten seid ihr bei der Gründung begegnet?

Salem: Das nötige Geld fehlt, denn wir haben keinen Investor, keine Kredite, wir haben alles eigenfinanziert, die Sparstrümpfe geleert, die Eltern um Unterstützung gebeten und das Geld verwendet. Das ist nach wie vor die größte Herausforderung, das Finanzielle.

Gernot: Jeder Cent, den wir einnehmen, fließt wieder in das Unternehmen, die Produktkreation, die Reisen, die Vorleistungen. Wir kaufen z.B. den Tee in Myanmar direkt von den Bauern.

Salem: Eine weitere Herausforderung ist, dass wir beide keinen unternehmerischen oder BWL Background haben. Ich komme aus dem Bereich Mode und Marketing.

Gernot: Ich komme aus dem Bereich Architektur und Städtebau.

Salem: Man hat aber auch einen Vorteil, weil wir mit wenig Mitteln kreativer sein müssen und  anders an die Sache ran gehen. Wir haben keine Businesspläne geschrieben und rumtheorisiert und ausgelotet. Wir haben losgelegt. Nichtsdestotrotz sind wir aktuell auf der Suche nach Impact-Investoren. Wir haben viel erreicht, und um noch mehr zu bewegen und zu verändern bedarf es eines Investors. Der nicht nur auf die Rendite schaut sondern auch auf den sozialen Mehrwert. Wir wollen ein professionelles Team aufbauen und mehr in den Vertrieb gehen und mehr PR und Marketing machen .

Die Gründer von Conflictfood: Gernot Würtenberger und Salem El-Mogaddedi

ZRN: Wie vereinbart Ihr die profitorientierte und die soziale Seite Eures Unternehmens?

Salem: Ich würde eher die Frage stellen, wieso ist eigentlich unternehmerisches Denken und soziale Verantwortung voneinander getrennt worden. Ich kann und ich sollte kein Unternehmen führen, wenn ich nicht nachhaltige, also soziale, ökonomische oder ökologische Aspekte fest in meinem Unternehmen verankert habe. Man kann Handel betreiben und trotzdem sozial verantwortlich agieren. Das ist für mich kein Widerspruch, sondern das gehört zusammen und ist voneinander untrennbar . Wichtig ist für uns, dass alle in diesem Unternehmen, alle Menschen, die daran arbeiten, partizipieren und zu tun haben, gefragt werden: “Passt das für Euch, fühlt sich das richtig an?” Beispielsweise haben wir die Frauen auch gefragt: “Was kostet eigentlich der Safran?” Klingt nach einer simplen Frage, ist es aber nicht! Im globalen Handel diktieren die Konzerne die Preise, frei nach dem Motto “Friss oder Stirb”. Die Bauern haben am allerwenigsten davon. Sie müssen oftmals unter Wert verkaufen, damit sie irgendwie überleben können.

 

ZRN: Was sind für Euch die größten Erfolge, die ihr seit der Gründung verzeichnen könnt?

Salem: Es gibt viele kleine und große Erfolge, wie die Awards und die große Medienresonanz, das ist super und sehr motivierend. Und die Unterstützung aus unserem Umfeld ist enorm und ein großer Erfolg. Wir sind sehr dankbar, weil uns viele Menschen auf unserem Weg begleiten und sie uns mit Ihrem Können zur Seite stehen. Sie glauben an uns, an unsere Arbeit und daran, das der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein nicht verdampft, er bewirkt viel.

Gernot: Einer der schönsten Geschichten war, als uns ein Kunde geschrieben hat, dass er unseren Safran seiner Familie geschenkt hat. Die gesamte Familie nahm dies zum Anlass einen ganzen Abend über Afghanistan als Land zu sprechen. Und das ist der eigentliche Erfolg, den wir verzeichnen. Das sie sich unsere Kunden unsere Produkte kaufen und Gedanken machen und Schranken abbauen.

 

ZRN: Was würdet Ihr neuen Start-Ups als Rat mitgeben?

Salem: Wenn man eine Idee hat, sollte man einfach anfangen. Nicht viel überlegen sondern machen. Es aufschreiben, am besten Gleichgesinnte suchen, Freunde mit einbeziehen und ein Netzwerk aufbauen. Freunde und Fremde Fragen was sie von der Idee halten. Nach Programmen, Workshops, Stipendien, Coachings ausschau halten. Es gibt viele Möglichkeiten. Beispielsweise hat uns das Social Impact Lab Berlin – gibt es auch in anderen Städten – sehr unterstützt mit seinem Gründerprogramm. Und ich sollte mir die Frage stellen, was für ein Start-Up möchte ich eigentlich gründen!? Wenn es keinen nachhaltigen Hintergrund hat, der Gesellschaft nichts zurückgibt und nur auf Gewinnmaximierung aus ist, dann bitte nicht gründen.

Conflictfood bei Zahnräder meets #17Ziele

ZRN: Hättest du mit deinem heutigen Wissen etwas von vornherein anders gemacht?

Gernot: Wir hätten vieles genauso gemacht. Und das heißt nicht, dass wir alles richtig gemacht haben – im Gegenteil. Drei Schritte vor, zwei zurück und wieder einen Sprung nach Vorne. Die Fehler sind alle richtig und wichtig gewesen für unsere Entwicklung, aus denen haben wir gelernt. Es gibt keinen Leitfaden, jede Gründung ist anders und was für uns stimmt, kann für andere falsch sein. Das wichtigste ist, authentisch zu bleiben und sich nicht zu sehr verbiegen. Kompromisse sind okay aber nicht um jeden Preis und vor allem nicht auf Kosten von Mensch und Natur.

 

Name: Conflictfood

Gründer: Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger

Gründung: 2016

Ziel: Conflictfood schafft durch Handel mit Bauern und Agrarkollektiven in Krisengebieten langfristig neue Perspektiven. Lokale Strukturen werden gestärkt und Fluchtursachen an der Wurzel bekämpft. Mit dem Handel wird ein Weg aus der Armut gezeigt und der Kunde hier erhält umfassende Informationen über die Menschen, deren Alltag, der Kultur und ihrer Geschichte.

Produkt: Tee aus Myanmar, Safran aus Afghanistan, Freekeh aus Palästina. Informationen über die Lände liegen den Produkten in Form einer Zeitung, Info und Rezeptkarten bei.

 

Autorin: Jenin Elen Abbas

 

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