Ein schwerer Schicksalsschlag veränderte Ahmed Amarouchs Leben. Als Nachwuchs-Leichtathlet war er gerade dabei, für die olympischen Spiele zu trainieren. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges erhielt er ein Sportstipendium für ein Studium an einer US-amerikanischen Hochschule. Doch nach nur einem Jahr wurde ein Tumor in der Kniekehle diagnostiziert und sein Leben änderte sich schlagartig. Im Interview mit Zahnräder Netzwerk erzählt Amarouch, welchen Einfluss dieser Einschnitt in seinem Leben auf die Gründung seines sozialen Start-Ups hatte, welchen Schwierigkeiten er bis heute als Unternehmen begegnet und welche Ratschläge er anderen Unternehmern geben möchte.

 

ZRN: Wie ist die Idee zu Sharewater entstanden?

Ahmed Amarouch: Sharewater ist nicht von einem auf den anderen Tag entstanden. Manchmal sind es die großen Herausforderungen im Leben, die uns erlauben, manchmal sogar zwingen neue Wege einzuschlagen. In meiner Jugend war ich Leichtathlet, Top 3 in Deutschland und mein Ziel war es an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Durch die Leichtathletik, erhielt ich Angebote von US Universitäten und entschied mich dann, an der FDU, einer Privatuniversität in New Jersey, USA zu studieren. Nach meinem ersten erfolgreichen Jahr, wurde ein Tumor in der Kniekehle festgestellt. Das hieß, ich musste erstmal meine Karriere an den Nagel hängen. Manchmal fällt man im Leben und die erste Frage, die man sich stellen muss, ist nicht, ob man danach aufsteht, sondern wie schnell. Sechs Monate nach der Operation und einige Wochen nach der Strahlentherapie, entschied ich mich wieder in die USA zu fliegen. Ich wollte unbedingt wieder ins Leichtathletik-Team zurück und mein Studium beenden. Vor Ort an der Universität haben wir immer viele Fundraiser für Charities organisiert. Es war ein guter Weg, ein Teil einer größeren Vision zu sein. Für mich war dieser Weg dann, dass ich etwas machen wollte, mit dem man Leben verändern kann. Womit man langfristig etwas aufbauen kann, indem man ein Stückchen in der Welt verändert. Dadurch, dass mir dann vor allem Charities im Wasserbereich gefallen haben, bin ich dann auf das Konzept Sharewater gekommen. Denn ich habe gesehen, dass es diese Charities vor allem im Fundraising sehr schwer haben, genügend Kapital aufzubringen, um die Projekte zu finanzieren. Und dann dachten wir, gemeinsam mit dem Co-Gründer Hafid Amarouch, dass man das erreichen kann, in dem man nachhaltige Produkte verkauft. Dieser großen Herausforderung bewusst, habe ich auch den Master of Science in Water Science, Policy & Management an der Oxford Universität absolviert. Denn nur durch Einsatz bester Technologie und Wissenschaft können wir diese Wasserkrise gemeinsam bewältigen.

 

ZRN: Du sagst, dass Du vorher Athlet warst, aber was hat Leichtathletik konkret mit Wasser zu tun? Warum gerade Wasser?

Ahmed Amarouch: Jeder Gründer hat seine eigenen Bewegründe, etwas Neues zu starten. Für mich der Werdegang, als Sportler und der schon beschriebene Schicksalsschlag hat zu einem neuem Abschnitt in meinem Leben geführt. Man könnte es einen Trigger nennen, indem man sich als Mensch selbst hinterfragt, was ich mit meiner zweiten Chance machen will. So bin ich auf die Arbeit mit Wassercharities gekommen und was mich sehr an Wasser selbst fasziniert hat, ist, dass unser Zugang so alltäglich ist, dass man es für selbstverständlich hält. Umso mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr habe ich realisiert, welche Herausforderungen mehr als 600 Millionen Menschen haben, die diesen Zugang zu diesem einfachen Menschenrecht nicht haben.

Die Frage war nun, wie wir viele Menschen über die Wasserkrise aufklären können und gleichzeitig deren Unterstützung erhalten, um die Wasserprojekte zu finanzieren. Die Lösung war, durch ein alltägliches Produkt, dass man einfach kaufen kann. Eine Sache, die uns auch wichtig war, dass wir Transparenz liefern und man direkt eine Verbindung zu den Wasserprojekten durch den Konsum unserer Produkte hat. Dadurch hat jede Sharewater-Trinkbox einen QR Code, den man scannen kann. So kann man sehen, wo und wen man unterstützt, welche Technologie eingesetzt wird und wie man langfristig den Menschen helfen kann.

 

ZRN: Welchen Schwierigkeiten seid ihr bei der Gründung begegnet?

Ahmed Amarouch: Als Sozialunternehmer hat man bestimmte Visionen, und ein soziales Ziel, was bei uns ist, den Menschen den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Wenn man dann diese Vision, bei der man sagt, 50 % aller Einnahmen gehen in Wasserprojekte, umsetzt, realisiert man, wie schwierig es ist. Sobald man dann in die freie Marktwirtschaft geht, ist man einfach der Realität ausgesetzt. Und zwar, dass viele Unternehmen auf die Kosten schauen, unter anderem, dass unser Wasser im Vergleich zu den großen Produzenten, die keine soziale Vision haben, teurer ist. Wir stellen uns dem entgegen, indem wir sicherstellen, dass wir ein tolles Produkt haben. Unser Mineralwasser aus der Fläming Felsenquelle in Wiesenburg hat einen sehr geringen Natriumanteil und eignet sich dadurch sogar als Babywasser. Außerdem stellen wir sicher, dass jeder der dieses Produkt kauft langfristig einen Unterschied macht und Menschenleben rettet.

 

ZRN: Sind dies die Schwierigkeiten, denen ihr immer noch begegnet?

Ahmed Amarouch: Dadurch, dass wir auf vielen Events sind und viel in den Sozialen Medien machen und auch wirklich aufzeigen können, was wir in den Projekten vor Ort bewirken, auch durch unser Realtime-Monitoring Konzept, mit dem wir jetzt hier online gehen können und aufzeigen können, wie viel Wasser vor Ort auf unseren Projekt konsumiert wird, und ob die Wasseranlagen korrekt funktionieren. Dadurch ist es für uns um einiges einfacher, in die Gespräche zu kommen. So können wir Transparenz durch Daten aufzeigen sowie die Nachhaltigkeit unserer Wasserprojekte gewährleisten.

 

ZRN: Wie vereinbart Ihr die sozialen und ökonomischen Ansprüche von Sharewater miteinander?

Ahmed Amarouch: Ich denke nicht, dass sich das immer ausschließen muss. Wir haben das Konzept von der freien Marktwirtschaft, dass wenn wir wirtschaften, immer jemand darunter leiden muss. Das muss wirklich nicht der Fall sein. Wenn man nachhaltig wirtschaftet, und dem Umfeld etwas zurückgibt, gibt es eine Win-Win-Situation für alle.

Wir versuchen die Philosophie anzukämpfen, dass man sagt, man kann nur das eine oder das andere machen. Ich kann auch ein ganz einfaches Beispiel geben, wenn wir nur an den ökonomischen Fortschritt denken. Wenn wir erfolgreiche Unternehmer sehen, die rein wirtschaftlich agieren, hinterfragen wir auf keinster Weise, unter welchen Kosten für die Menschen oder die Umwelt dieser Wohlstand entstanden ist. Wenn wir aber auf einen Sozialunternehmer treffen , der Gewinne einfährt und gleichzeitig etwas Gutes tut, dann würden wir wirklich hinterfragen, warum diese Person einen gewissen Wohlstand hat. Da müssen wir eine Frage stellen: Warum kann man nicht etwas Gutes tun kann und gleichzeitig auch dabei etwas verdienen?

 

ZRN: Reichen die Gewinne von Sharewater aus, um Euren eigenen Lebensunterhalt zu sichern?

Ahmed Amarouch: Als e-commerce Start-Up, dass primär seine Produkte online verkauft, ist es sehr schwierig vorerst den Profit reinzubringen, den man braucht. Für uns ist das nicht der primäre Fokus, sondern wir wollen, dass unsere Marke wächst und, dass wir unsere Projekte umsetzen. So stellen wir sicher, dass wir eine Marke aufbauen, die sich langfristig etabliert.

Bisher machen wir das ehrenamtlich, d.h. wir haben gezielt den Fokus so ausgewählt, dass wir die Projekte umsetzen können. Ob das in der Zukunft auch so ist oder nicht, wird sich zeigen.

 

ZRN: Was sind für Euch die größten Erfolge, die ihr seit der Gründung verzeichnen könnt?

Ahmed Amarouch: Im Bewusstsein der Menschen zu sein – als Wassermarke. Dass wir auch Firmen und Vereine haben, die bei uns anklopfen, die entweder die Projekte unterstützen oder die gewisse Events sponsern. Unser größter Erfolg ist außerdem, dass wir bei unseren Wasserprojekten Real Time Monitoring einsetzen. Für unser letztes Projekt, dass wir zusammen mit Fundifix und Wasserexperten der Oxford Universität, unter anderem Dr. Prof. Rob Hope, Direktor des Wasserprogrammes, umgesetzt haben, wird Unicef die Daten und Learnings, die wir durch Real Time Monitoring einsammeln, für eine Studie auswerten. Das sind natürlich tolle News für uns, da wir hier ein Wegbereiter für neue Konzepte sind. und große Organisationen wie Unicef an unseren Projekten interessiert sind.

Meiner Meinung nach können wir mit dieser Technologie langfristig die Wasserkrise bewältigen, indem wir dezentralisierte Wassersysteme einsetzen, die miteinander kommunizieren. Rein theoretisch wenden wir das Versicherungsprinzip auf Wasseranlagen an. Eines der größten Erfolge dabei ist, dass wir die Reparaturen, die in der Regel 30 Tage dauern, auf zwei bis drei Tage reduzieren können. Und so sicherstellen können, dass die Menschen vor Ort nicht mehr auf verschmutztes Wasser, dass zu Krankheiten und sogar zum Tod führen kann, zurückgreifen müssen, wenn die Wasseranlagen nicht funktionieren.

 

ZRN: Was würdest Du anderen Start-Ups als Rat mitgeben?

Ahmed Amarouch: Einer meiner Tipps ist, weniger am Business Plan, also weniger in der Theorie zu arbeiten als in der Praxis. Wenn man eine Idee hat, statt sie nur theoretisch zu evaluieren, sollte man den Kunden oder mögliche Kunden selber testen und entscheiden lassen. Feedback sammeln, kleinere Projekte starten und den Kunden in den Mittelpunkt aller Entscheidungen setzen. – Stichwort: Consumer Centric. Word of mouth (also Empfehlungen von Familie und Freunden) ist 20x effektiver als jede Werbung. Und es geht in beide Richtungen – wenn Kunden schlechte Erfahrungen oder gute Erfahrungen haben. Ein weiterer Rat ist auch, dass man mit seinen Kunden kommuniziert, um festzustellen, wie man das eigene Produkt oder den Service verbessern kann. Und wenn man das dann umsetzt, kann man sehr viel erreichen.

 

ZRN: Hättest Du mit Deinem heutigen Wissen etwas anders gemacht?

Ahmed Amarouch: Nein, denn jede Sache, die man im Leben macht, auch wenn es ein großer Fehler ist, ist etwas was man mitnehmen kann. Natürlich sollte man so etwas nicht allzu oft machen. Man sollte aus den Fehlern so gut wie möglich lernen. Ich glaube man hat den Luxus als Start Up, diese Fehler zu machen, aber man nimmt dann auch die Erfahrungen mit, um das Konzept zu verbessern, das Produkt zu verbessern, und die Richtung des Start-Ups zu verbessern. Niemand wird die Antwort haben, man muss es ausprobiert und getestet haben.

 

Weiterführende Links:

https://sharewater.de/

 

Name: Sharewater

Gründer: Ahmed Amarouch und Hafid Amarouch

Gründung: 2013 als Community, 2016 als Unternehmen

Ziel: Menschen in Entwicklungsländern den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern. Durch Erlöse aus Sharewater-Trinkboxen werden Wasserprojekte finanziert und umgesetzt.

Produkt: Reines Quellwasser aus einer ökologisch vorteilhaften Verpackung; mit jeder Sharewater-Trinkbox, unterstützt man Wasserprojekte

 

Autorin: Jenin Elen Abbas