Das Zahnräder Netzwerk hilft nicht nur jungen Social Entrepreneurships beim Start ihres Wirkens, auch unsere aktiven Mitglieder sind sehr engagiert und haben sich soziales Engagement zur Herzenssache gemacht. Doch soziales Engagement hört nicht bei der freiwilligen Arbeit im Netzwerk auf, sie führen neben Studium und Beruf unterschiedliche nachhaltige Unternehmen mit dem Fokus auf soziale Anstöße. Wir haben uns mit unseren Aktiven zusammengesetzt, sie zu ihrem Engagement, Zielen und Hürden ausgefragt und dabei viel gelernt, was unsere persönlichen Helden uns vorleben.

Wenn wir stets Feuer und Flamme für unsere Ziele im Leben einstehen würden, könnten kleine Stufen in ihrer Gesamtheit Vehementes bewirken. – Betül Mis

Social Entrepreneurship ist nicht allein auf den Zuwachs von Kapital orientiert, vielmehr steht das soziale Engagement des Unternehmens im Vordergrund, mit dem sie die Welt ein Stück weit verbessern wollen. Doch auch edle Ziele bergen viele Hürden. Betül Mis erklärt uns wie man kreativ und innovativ seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.

ZRN: Liebe Betül, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast mit uns über deinen Shop betüliful zu sprechen. Seit deinem 11.Lebensjahr stellst du in Handarbeit Accessoires her und vertreibst diese neulich in einem E-Shop. Du arbeitest gerne mit natürlichen Materialien und einer Vielfalt an Farben. Was stellst du genau her?

Betül: Schon als Kind hatte ich großes Interesse an kreativer Arbeit und mit dem fortschreitenden Alter vollzog auch meine Arbeit eine Metamorphose. Ich gestaltete zunächst Schmuck aus Plastikperlen, dann aus Glas und Natursteinen, später widmete ich mich dem Upcycling, also dem Wiederverwerten von alten Materialien wie Papier und Naturmaterialien, dann arbeitete ich mit Draht.

Heute verkaufe ich auf meinem Shop Schmuck aus Gießharz und getrockneten Naturmaterialien, also eine Emmergenz aus allen Techniken, an denen ich mich bisher herantastete. Ich trockne Blumen selbst oder Blumen aus besonderen Anlässen werden eingeschickt, damit sie in Form von Kettenanhängern, Schlüsselanhängern, Ohrringen, Messingrahmen oder Handyhüllen verewigt werden. Den Variationen sind keine Grenzen gesetzt und wachsen stets im Austausch mit Kundenwünschen.

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ZRN: Wie wichtig ist dir dabei Nachhaltigkeit? Auf was achtest du bei der Auswahl der Materialien?

Betül: Der maßgebliche Unterschied zwischen Handarbeit und Industrieproduktion bzgl. Nachhaltigkeit ist, dass sie nicht auf dem Prinzip der geplanten Obsoleszenz hergestellt wird. So heißt das Prinzip, das die vorsätzliche Verkürzung der Lebensdauer eines Produktes von Beginn an vorsieht, damit das Produkt schnell verfällt und ein neues gekauft werden muss. Eine Markt-Masche, die die Produktion am Laufen hält und den Menschen zur Wegwerfgesellschaft erzieht. Ich arbeite mit beständigen Materialien, wie Kupfer und Messing und beschichte das Harz mehrfach, um die Nachhaltigkeit des Materials und die Zufriedenheit der Kunden zu gewährleisten. In Handarbeit steckt viel Mühe und Liebe, die man so lange wie möglich konservieren möchte. Zudem verpacke ich grundsätzlich mit recyclebarem oder gar recyceltem Papier/ Karton.

ZRN: Du hast eine sehr kreative Lösung gefunden dich sozial zu engagieren und ein kleines Unternehmen zu führen. Wie bist du darauf gekommen dein Talent zu vermarkten?

Betül: Schon in jungen Jahren verkaufte ich auf Bazaren und Handwerkermärkten, um mir etwas Taschengeld dazuzuverdienen. In meiner Zeit als Stipendiatin bei der START Stiftung kamen wir mit MitstipendiatInnen auf die Idee, Workshops Rund um das Thema Kunst zu organisieren und durch den Verkauf von Stücken, die in diesem Rahmen von Teilnehmenden hergestellt werden, Einnahmen für soziale Einrichtungen zu gewinnen. Es war ein Drang und eine Überzeugung, dass jede/r mit den ihr/ ihm zur Verfügung gestellten Talenten auf eine ganz individuelle Art und Weise zu Veränderungen beitragen kann. Und bei mir war es eben die kreative Komponente, die es weiterzuentwickeln galt.

ZRN: Wie viel Support hat dir dein Umfeld von der Idee bis zur Umsetzung entgegen gebracht? Würdest du sagen, die Menschen in deinem sozialen Umfeld haben dir den letzten Impuls gegeben den Schritt Richtung Unternehmen zu wagen und deine Kreationen zu vermarkten?

Betül: Ja definitiv! Alle großen Wagnisse fangen klein im eigenen Umfeld an und das Umfeld kann Talent und Veranlagung oft besser erkennen und anerkennen als manch einer selbst. Meine Eltern sind seit jeher die tatkräftigsten helfenden Hände, die mir zur Seite stehen. Und besonders unterstützend sind auch Freunde, die Inspirationen sind, bei Verkaufsständen mithalfen und erste Einkäufe tätigten.

ZRN: Mit welchen Zielen bist du an die Sache herangegangen? Konntest du deine persönlichen Ziele erreichen? Welche Kompromisse musstest du dabei eingehen?

Betül: Zunächst war es ein Hobby und ein kreativer Ausgleich zum Schulalltag, dann wurde es zu einem Experimentierfeld für erste unternehmerische Versuche durch eine Existenzgründung mit 16 Jahren, die schon früh scheiterte. Und Anfang 2018 habe ich mit einem ganz neuen Konzept und neuen Materialien, dem Gießharz und getrockneten Blüten, einen unternehmerischen Neuanfang gewagt. Blüten, die ich jahrelang zwischen Tagebüchern konservierte wurden zu ersten Versuchsobjekten. Mein primäres Ziel war die Selbstentfaltung und, dass irgendwann Menschen sich gegenseitig mit betüliful beschenken und Freude bereiten und ich dadurch an Freudemomenten Vieler teilhaben kann. Ich denke, das hat betüliful geschafft.

ZRN: Auf welche Probleme bist du gestoßen; woran musstest du arbeiten?

Betül: Die größte Schwierigkeit war zunächst die Etablierung und Vermarktung. Mit einem simplen Instagramaccount begann ich den Verkauf. Menschen aus meinem Freundeskreis, später aus verschiedenen Communities, in denen ich mich bewegte, haben mich in meinem Vorhaben unterstützt und Werbung gemacht. Auch Menschen, denen ich nie begegnet bin, teilten Schmuckstücke aus meiner Seite auf ihren Accounts. Kunst verbindet wahrlich! Die größte Herausforderung heute ist das Zeitmanagement; neben dem Studium investiere ich mindestens einen gesamten Tag in der Woche für betüliful, ein Nebenjob quasi.

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ZRN: Von Januar bis Februar 2018 hast du ein Teil der Einnahme an die Human Relief Foundation (HRF) gespendet. Wie bist du dazu gekommen und warum wurde es gerade diese Organisation?

Betül: Der Auftakt von betüliful kollidierte mit einer Spendensammelaktion einer engagierten Freundin Sennur Bedir. Anlässlich der Flucht der Rohingya aus Myanmar wurde das Geld für die Waisenkinder eingesetzt, denen Unterkunft, Grundversorgung und Bildung gewährleistet wurde. Die Organisation galt als transparent und vertrauenswürdig und hatte ein muslimisches Wertefundament, das den Drang zum Guten aus dem Glauben schöpfte. Ich heiße es sehr willkommen, mich auch an einer Spendenaktion zu beteiligen, die nichtmuslimische Belange fördert.

ZRN: Bestimmte Organisationen auszuwählen birgt auch oft Gefahr Kunden vom Kauf abzuschrecken. Wie bist du dieser Hürde begegnet und wie war die Resonanz, die dir entgegengebracht wurde?

Betül: Ja, das Risiko war mir bewusst. Gerade nichtmuslimischen KundInnen hätte sich möglicherweise nicht mit der Organisation identifizieren können; das hätte abschrecken können. Aber so war es nicht. Die Resonanz war durchwegs positiv und insbesondere nichtmuslimische KundInnn spendeten sogar Überbeträge. Das gemeinsame Ziel der Wohltätigkeit kann jegliche vermeintliche Grenze überbrücken. Der Drang zum Guten hat keine Religion oder Ethnie. Es ist ein allumfassender und gesamtgesellschaftlicher Wert.

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ZRN: Soziales Engagement wird oft als elementare Komponente des Islam bezeichnet. Wie stehst du dazu? Siehst du es als Pflicht als Muslima etwas Gutes in der Gesellschaft zu leisten? Und kommt der Impuls zum sozialen Engagement aus deinem Glauben heraus? Hört für dich das soziale Engagement bei “von Muslimen für Muslime” auf?

Betül: Für mich hat Wohltätigkeit eine grenzüberschreitende Bedeutung, aber auch aus meinem islamischen Glaubensfundament schöpfe ich viel Energie dafür. Soziales Engagement ist ein integrativer und institutionalisierter Bestandteil des islamischen Gesellschaftsmodells. Um ein paar Beispiele zu nennen: Die Bereitschaft des Propheten Abraham (as), seinen Sohn Ismael (as) zu opfern ist nicht nur ein Zeichen seiner Gottergebenheit. Die materielle Opferung des Opfertieres stattdessen ist eine religiöse Pflicht gegenüber Allah (swt) und den Bedürftigen und Nachbarn und sensibilisiert den Gläubigen für die Angelegenheiten der Gesellschaft.

„Und dient Allah und stellt Ihm nichts zur Seite, und erweist den Eltern Wohltaten und ebenso den Verwandten, den Waisen und Armen, den nahestehenden Nachbarn und den fernen Nachbarn, und dem Gefährten an eurer Seite und dem Reisenden und den Unfreien. Wahrlich, Allah liebt nicht die, die überheblich und stolz sind.“ (4:36)

Im Begriff „ferner Nachbar“ seien selbstverständlich auch nichtmuslimische Nachbarn inbegriffen, gegenüber denen wir als deutsche Muslime auch Verantwortung tragen. Der Islam vertritt neben der Einheit Gottes auch die Einheit der Menschen. Als Kinder Adams und Evas sind sind wir also vor Gott gleich, wie können nichtmuslimische MitbürgerInnen in meinem sozialen Bemühen für mich dann nicht gleichgestellt sein? Das wäre eine Anmaßung. Zudem ist die Almosengabe und noch weiter die Sadaqa als dritte Säule des Islam eine unmissverständliche Verpflichtung zum sozialen Engagement. Auch das Leben des Prophet Muhammad (as) weist eine hohe Sensibilität für Natur, Tiere und Mitmenschen auf, das wir uns neben dem Koran als Vorbild nehmen sollten. Beenden möchte ich mit einer signifikanten Überlieferung des Propheten Muhammad (as) zu diesem Thema: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ (Dschâmiu’s Sağîr).

ZRN: Welche Überraschungsmomente hattest du bislang bei deinem kreativen Business?

Betül: Die wertvollste Erkenntnis war es, dass Brainstorming und Kundenkontakt so viel Inspiration in sich birgt. Auch lernt man durch die Plattform Instagram neue, wertvolle Menschen kennen. Zudem habe ich dieses Jahr durch das Sammeln und Trocknen der Blüten für meinen Schmuck die Jahreszeiten viel bewusster durchschritten, war öfter in der Natur und habe die Vielschichtigkeit der Farben und Gestalten der Flora und Fauna viel intensiver wahrgenommen. Man sieht sie Welt stets aus der Perspektive, auf die man sich fokussiert.

ZRN: Könntest du dir vorstellen, deine bisherige Arbeit zu erweitern?

Betül: Ja, das ist zwangsläufig, weil ich mit den Wüschen der KundInnen wachse und stets auf sie eingehe.

ZRN: Was würdest du anderen jungen Unternehmern, die in den Startlöchern ihres eigenen Social Entrepreneurships stehen, mit auf den Weg geben?

Betül: Klein anfangen, nicht aufgeben, vor allem netzwerken und austauschen, und stets offen für Kritik sein, um das Produkt oder das Konzept den Wünschen und Bedürfnissen der Zielgruppe anzupassen. Ich habe die Schmuckgestaltung damals von einer Dame aus Adana, Heimatstadt meiner Eltern, in der Türkei gelernt. Ich entdeckte sie vor ihrer Haustür am Werkeln, woraufhin sie mir eine kleine Einführung gab. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, /Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“ -Hesse „Stufen“

Wenn wir stets Feuer und Flamme für unsere Ziele im Leben einstehen würden, könnten kleine Stufen in ihrer Gesamtheit Vehementes bewirken. Irgendwo in dieser Welt schlummern Menschen und Potentiale, die das gleiche Träumen wie ihr, oder schon Meilensteine für euch gelegt haben. Vernetzt euch, teilt eure Kenntnisse, entwickelt, wachset. Die Synergie dieser Kräfte bringt eine wertvolle Emergenz hervor. Bleibt dran an euren Träumen.

ZRN: Betül, vielen Dank nochmal für das anregende Gespräch! Wir können sicherlich alle etwas von dir lernen und wünschen dir weiterhin viel Erfolg.

 

Über Betül Mis: 

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Betül Mis ist Studentin der Philosophie, Politik und Ökonomik an Universität Witten/ Herdecke und engagiert sich bei WoW e.V. und im TeamGLOBAL der Bundeszentrale für Politische Bildung. Neben ihrem vielfältigen Engagement ist sie auch seit 2017 bei dem Zahnräder Netzwerk im Communications Team aktiv und steckt hinter unseren Posts auf unseren Social Media Kanälen. Das Engagement beim Zahnräder Netzwerk bedeutet für sie Weiterentwicklung. Auf uns gestoßen ist sie durch die Gründerin Kübra Gümüsay. Was sie an Zahnrädern besonders begeistert? Die Fruchtbarkeit der Vielfalt der muslimischen Bekenntnisse, die dem Netzwerk seine dynamische Gestalt verleiht. Unterstützen könnt ihr sie durch den Kauf ihrer Accessoires auf:  https://www.instagram.com/betueliful/

Autor: Seyma Nur Alarslan