Nadina Memagic (27) ist gebürtige Bosnierin, gefühlte Hamburgerin und sesshaft in München. Als ehemaliges Zahnrad widmet sie sich heute beruflich dem Tanz, Gesang, Schauspiel und der Fotografie und gibt Klavierunterricht. Sie kocht vegetarisch, sie wandert, sie mag es minimalistisch -kurz: sie schätzt die Nähe zum Natürlichen. Sie ist nicht nur Träumerin, sondern noch weiter Visionärin. Sie überschreitet im Denken die Grenzen der Realität, denkt Realität neu und setzt für Veränderungen in ihrem eigenen Leben an. So auch im Thema Nachhaltigkeit. Während andere in ihr eine Amelie Poulain sehen, die naiv und hoffnungsvoll die Welt zu einer besseren gestalten möchte, findet sie sich in einer Kreuzung zwischen Phoebe und Monica aus der TV Serie „Friends“ wieder. Phoebe, ein esoterisches Hippiemädchen, schräg und herzlich zugleich. Sie achtet auf ihre Umwelt, und ernährt sich vegetarisch. Monica hingegen ist eine sture Perfektionistin, hat einen verbissenen Putzwahn, der fast schon neurotisch ist. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die etwas zu erzählen hat!

ZRN: Gab es einen Schlüsselmoment, oder ein erschütternder Anlass, der dich zum zerowaste Lifestyle bewogen hat?

Nadina: Ich las einen Artikel über Lauren Singer, eine junge New Yorkerin, deren Plastikmüll von zwei Jahren in ein Schraubglas passte. Damals achtete ich bereits auf meinen Konsum, trennte Müll und sorgte für nachhaltige Verpackung. Und als ich von zerowaste hörte war mir schnell klar: das spiegelt meine Intention wider, so möchte ich leben.

ZRN: Was hat sich in deinem Leben geändert, seitdem du auf zerowaste achtest? Welche Kompromisse musstest du eingehen? Gibt es trotzdem Produkte, bei denen du keinesfalls auf Plastik verzichtest?

Nadina: Ich habe zunächst analysiert, was die größte Masse an Müll ausmacht: Es waren ganz klar Tetra Pak. Wir sind auf Milch in Glasflaschen (Pfand) umgestiegen, und haben Vieles in größeren Mengen unverpackt im Internet bestellt, da größere Mengen weniger Einzelverpackungen haben.

Seitdem der Unverpacktladen in München aufgemacht hat, kaufen wir dort Trockenprodukte ein und den Rest aus der Münchener Bioladenkette VollCorner. Diese ist kein Konzern, sondern wird geleitet von einem Ehepaar, das sich wirklich Gedanken über das Konzept macht, auch kleine Firmen in das Sortiment aufnimmt, also stets dynamisch und innovativ ist. Unser Obst und Gemüse beziehen wir von der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), dem „Kartoffelkombinat“. Das Kartoffelkombinat ist eine genossenschaftlich organisierte Gemeinschaft, die ihr Gemüse, zusammen mit ausgewählten Partnern, selbst anbaut.

Kompromisse, die ich eingehen musste: Anfangs habe ich die Sojamilch selber gemacht, dann wurde es zu anstrengend und ich bin wieder umgestiegen auf Vollmilch im Glas. Schokolade kaufe ich verpackt, achte aber darauf, dass sie nicht doppelt verpackt ist. Auf Klopapier verzichte ich nicht, und bei der Supplementierung mit Nahrungsergänzung kommt man auch nicht um Plastik drumherum. 

Was sich in meinem Leben geändert hat? Um ein paar ganz alltagspraktische Beispiele zu nennen: Flaschenmilch statt Tetra Pak, Hartseife statt Flüssigseife, Jutebeutel statt Plastik, Trinkflasche statt Plastikflaschen, Schraubglas für Tee statt To-Go Einwegbecher, Brotbox für die Überreste im Restaurant statt Wegwerfen, Bambuszahnbürste statt Plastikzahnbürste, Zahnputzpulver aus Xylit und Heilerde statt Tuben, Öle statt Cremes, Menstruationstassen/ Stoffbinden statt Binden/ Tampons, Stoffwindeln statt normale Windeln. Die Kosmetik ist neben der Küche der größte Müllproduzent. Im Allgemeinen sollten wir unsere Beautyroutine minimalisieren, denn der Körper kann sich ganz gut selbst regenerieren. Neben der Umwelttauglichkeit der aufgezählten Ersatzprodukte, wird auch der Geldbeutel stark entlastet.

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Zerowaste_Bathroom

ZRN: Letztens stand in der ZEIT ganz groß auf der Titelseite: „Die Deutschen verbrauchen mehr Kunststoff als alle anderen Europäer, weil sie glauben, ihr gesamter Müll werde recycelt. Aber da täuschen sie sich.“ Ist das trennen von Plastikmüll nicht ausreichend für eine nachhaltige Lebensweise? Was hat es mit dem Grünen Punkt für recycelbare Waren auf sich?

Nadina: Die Wirtschaft gaukelt ständig eine Kreislaufwirtschaft vor, wobei in Wirklichkeit eher downgecycelt wird, man bekommt also nie wieder einen reinen Rohstoff zurück. Plastik kannst du nicht ewig recyceln, beispielsweise Aluminium hingegen schon etwas länger. Der Grüne Punkt ist eine Abwärtsspirale, bei der am Ende wieder Müll produziert wird. Er steht für die Kreislaufwirtschaft. Das heißt es werden Wertstoffe aus Abfällen gewonnen. Der Produzent gibt seine Verantwortung des produzierten Mülls an den Verbraucher ab, wobei man die Produzenten mit dem Kaufverhalten auf eine grundsätzliche Reduktion des Mülls umstimmen sollte. In Anbetracht der Emissionen ist das Recycling der Verbrennung vorzuziehen, dennoch ist es nicht nachhaltig, wenn man nur in die nächsten 10, 20 Jahre denkt. Wie kann ich den Müll grundsätzlich reduzieren? Das ist eine wegweisendere Frage. Zerowaste Lifestyle wird zu sehr potenziert und schreckt damit ab. Es ist natürlich ein Ideal, jedoch impliziert dieser Lebensstil eine Reduktion des Müll Schritt für Schritt zu weniger. Es gibt definitiv Alternativen und dafür muss der Hersteller daran arbeiten und die Konsumenten fordern. Naturschutz ist keine Einbahnstraße.

Infobox: Was bedeutet der Grüne Punkt?
Der Grüne Punkt ist ein geschütztes Markenzeichen der „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (DSD)“ und steht für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, also die konsequente Nutzung von Wertstoffen aus Abfällen. Mit der permanenten Weiterentwicklung des Recyclings führt der Grüne Punkt immer mehr Wert- und Rohstoffe einer Verwertung und einem neuen Nutzen zu. Das schützt endliche Ressourcen, das Klima und die Umwelt. Ist der Grüne Punkt auf eine Verpackung gedruckt, so zeigt der Hersteller dieser Verpackung damit, dass er die Pflichten der Verpackungsverordnung erfüllt.“ Quelle: https://www.gruener-punkt.de/de/verbraucher/wie-funktioniert.html

ZRN: Gibt es weitere Themenfelder, die für dich unmittelbar mit dem zerowaste Lifestyle zusammenhängen und für die du dich ebenfalls im Laufe der Jahre sensibilisert hast?

Nadina: Wir, meine Familie, sind zunächst einmal komplett auf Bio umgestiegen. Dann kam beim Fleisch die berühmte frage „Bio und Halal- geht das und wo gibts das?“ auf. Anfangs haben wir Biofleisch gekauft, da Bio für mich mehr halal war als das, was mir die halal Label versprechen. Das konnten wir aber auch nicht lange mit unserem Gewissen und unserem Portemonnaie vereinbaren. So wurden wir Vegetarier und in dieser Zeit bin ich ebenso peu à peu auf zerowaste umgestiegen. Fair trade, bio, zerowaste, vegan, halal – alles hängt unmittelbar zusammen und die Ganzheitlichkeit ist wichtig. Irritierend fand ich zum Beispiel, dass es Bohnen aus China im Unverpacktladen gab. Das hat mich total zum Nachdenken gebracht: Dann kaufe ich lieber verpackte Bohnen aus Bayern, die regional sind, anstatt die Transportemissionen in Kauf zu nehmen. Was den Vegetarismus betrifft: Die geläufige Tierhaltung ist zum einen das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte und zum anderen sind die Tiere keineswegs zerowaster: Kühe produzieren Methan, das Erderwärmung stark beeinflusst und nehmen große Anbauflächen für Viehfutter ein. Man sollte sich Gedanken über alle Lebensbereiche machen und sein Leben ganzheitlich umstellen. Das kann mit dem Jutebeutel starten und damit weiter gehen, dass man keine Bücher über Amazon bestellt, und stattdessen grüne Projekte, wie FairTrade Label, Grüne Bücher und E-Mailanbieter unterstützt.

ZRN: Im Koran steht „Esset von ihren Früchten, wenn sie Früchte tragen, doch gebet davon am Tage der Ernte (dem Armen) seinen Anteil, seid (dabei aber) nicht verschwenderisch! Wahrlich, Er liebt diejenigen nicht, die nicht maßhalten.“ (6:141) Das muss doch ein unmissverständlicher Aufruf zu saisonalen Produkten und gegen Verschwendung sein! Glaubst du, der Koran birgt grundsätzlich einen Aufruf für Umweltschutz in sich? Schöpfst du deine Motivation zu einem minimalistischen Leben unter anderem auch aus deinem Glauben?

Nadina: Ja! Der Prophet hat immer bei Gelegenheiten, wo alle von einem gemeinsamen Teller aßen das Essen vor sich gegessen und nie hinweggegriffen. Übertragen kann man das darauf, dass wir essen sollten, was in der Region wächst, anstatt dem, was von weitem kommt. Zudem nahm der Prophet nur so viel an Nahrung zu sich, wie es nötig war und übertrieb nicht. Alles, was besteht, wird von Allah angeboten, jeder Stein, jedes Atom, ja alles betet Allah an. Man muss sich Gedanken darüber machen, wie man sich seinen Mitgeschöpfen gegenüber verhält und mit welchem Respekt und welcher Achtsamkeit man auf dieser Erde läuft. Im Quran gibt es Beispiele und Beschreibungen über unsere Welt und Umwelt, und darüber, dass jedes Geschöpf seinen Respekt verdient und seine Daseinsberechtigung hat. Um den Minimalismus im Leben des Propheten zu exemplifizieren: Die Bescheidenheit des Propheten drückte sich in der Handvoll persönlicher Sachen aus, die er besaß. Seine Sachen hatten Namen, die er somit gehegt, gepflegt und wertgeschätzt hat. Das konnte er so behutsam, weil er so wenig hatte. Das ist logisch, mit wenigen Sachen weiß man die einzelnen Dinge mehr zu schätzen, es ist überschaubarer, man hat Zeit und um sie einzeln zu pflegen. Hz. Omar beispielsweise lief in geflickten Sachen herum. Nach einer Überlieferung über den Propheten, besaß er nur zwei Gewände: Einen für den Alltag und einen für Freitage. Der Aufruf, nicht verschwenderisch zu sein, ist ein Aufruf, in Maßen zu leben, den geraden Weg „siraṭ almustaqim“ zu gehen.

ZRN: An Ramadan fällt mir die enorme Plastikverschwendung an gemeinsamen Fastenbrechen in Moscheen besondern auf. Wird das Thema Nachhaltigkeit gesamtgesellschaftlich, aber auch in der muslimisch-deutschen Community ausreichend behandelt? Wie siehst du die Entwicklung?

Nadina: Innerhalb der muslimischen Community gibt es zahlreiche Initiativen, wie Hima (mehr dazu), Nour Energy (mehr dazu); kleinere Initiativen in Moscheen: Grüne Moscheen, wie die mit Photovoltaikanlagen betriebene Mevlana-Moschee in Weinheim und Emirsultan-Moschee in Darmstadt, OpenFair Iftar in Darmstadt und in München, das Buch Öko-Dschihad: Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung von Ursula Kowanda Yassin; das paar Greenukum und auch der Tag der offenen Moschee 2013 stand unter dem Motto „Umweltschutz“. In Deutschland ist Nachhaltigkeit seit Jahrzehnten ein Thema. In Ursprungsländern der muslimischen Einwanderer, wie beispielsweise in Bosnien gibt es andere Probleme, die vor dem Naturschutz standen. Der Input von Konvertiten in Deutschland ist immens, was eigentlich auch ein bisschen traurig ist, weil unsere Religion seit jeher so viel vorgibt, und uns für vieles verpflichtet, was den Umweltschutz anbelangt. Eigentlich müsste die Initiative von muslimischen Ländern entspringen.

ZRN: Du plastikfastest zwar das ganze Jahr über: Was hat es mit dem „Plastik-Fasten“ an Ramadan an sich?

Nadina: An Ramadan faste ich strenger auf Plastik. Ich sammle über ganz Ramadan meinen Plastikverbauch. 

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NourEnergy #RamadanPlastikfasten Kampagne

Dies ist eine tolle Initiative von NourEnergy mit einem Schaubild veranschaulicht, was Fasten im übergreifenden Sinn bedeutet und welche grünen Alternativen es gibt. Das Schaubild ist selbsterklärend, die größte Überwindung ist nur, dass man sich trauen muss, sich gegen die gesellschaftliche Mehrheit zu bewegen, so auch in der Moschee und bei gemeinsamen Fastenbrechen. Keine Servietten zu verschwenden, kein Plastikgeschirr zu verwenden, keine Essensreste wegzuwerfen, einen Abend auf Fleisch zu verzichten, sich trauen anders zu sein und einfach vorleben ohne zwangsläufig unangenehm dabei zu werden. Im Folgenden Artikel könnt ihr mehr über meinen #zerowasteiftarchallenge lesen: http://basmamagazine.com/2017/06/16/zero-waste-iftar-challenge/

ZRN: Hast du gute Tipps, wo man sich über eine nachhaltige Lebensweise informieren kann? Wie kann man sich am besten engagieren?

Nadina:  Ich persönlich bin ein Blogfan. Ich empfehle Lauren Singers Blog (http://trashisfortossers.com); Bea Johnsons Blog (https://zerowastehome.com); den Blog (https://www.goingzerowaste.com); einen deutschen Blog (https://wastelandrebel.com/de/) und die Instagrammerin lesswaste_lessworries, die mathematisch ihre Emissionen berechnet. Es gibt viele lokale Foodsharing Möglichkeiten, die ich besonders für Studenten und Bürger mit wenig Budget empfehle. Rettet euren Geldbeutel und vor allem, rettet Lebensmittel, denn Lebensmittel sind so kostbar. 2/3 vom Essen wird weggeworfen. Betreibt Communityarbeit im kleineren Kreise der Familie und Freunde, teilt Sachen untereinander, schaut, was in der Nachbarschaft so läuft, geht in Repaircafes, um kaputte Sachen zu reparieren und denkt mit.

ZRN: Möchtest du den LeserInnen noch etwas mitgeben?

Nadina: Das beste Projekte bei dem man sich engagieren kann: Man selbst ist das größte Projekt. Packt euch am eigenen Ärmel. Einen schönen Ramadan wünsche ich Euch.

Hier lang zu Nadinas Blog: https://www.instagram.com/rumis.mom 

Im Gespräch mit Lisa Schauerbeck, Studentin der Universität Witten/ Herdecke und Mitbegründerin der verpackungsfreien Füllbar in Witten:

Vor knapp zwei Jahren öffnete die Füllbar mit unverpackten Lebensmittel sowie Hygieneprodukte. Die Behälter bringen die Kunden selbst mit. Für Spontankäufe sind im Laden aber auch Gläser, Flaschen, Dosen und Beutel erhältlich. Abgewogen werden die Produkte vor Ort, so dass die Menge je nach Bedarf variiert und keiner zu große Menge kaufen muss, die er eigentlich gar nicht benötigt. Auch Workshops zu abfallreduzierter Babypflege und zerowaste finden hier regelmäßig statt. Auch kooperiert dieser Laden mit der lokalen Foodsharing Initiative und bietet einen Kühlschrank im Laden für gespendete und zu kühlende Lebensmittel aus lokalen Bazaren und Läden. Ermöglichen konnte das komplett ehrenamtlich arbeitende Team die Füllbar durch eine Startfinanzierung vom Stellwerk sowie zahlreiche Spenden. Die ursprüngliche Idee dieser zerowaste Läden kommt von der Gründern des Berliner Originalunverpackt Ladens Milena Glimbovski.

ZRN: Lisa, woher entspringt deine Motivation, dem zerowaste Lifestyle zu folgen?

Lisa: Der Hauptmotivator war zunächst einmal die Neugierde. Dann sah ich Bilder von Tiere, die durch Plastikmüll starben, was mich als Veganerin sehr stark bewegte. Die Frage, die man sich stellen muss ist: Was passiert mit dem entstandenen Müll früher oder später. Entstehen beim Prozess des Recyclings Schadstoffe? Wann kann man etwas nicht mehr recyceln? Landet das alles nicht am Ende im Wasser und in der Erde als Mikroplastik und letztendlich im Körper der Lebewesen? Man sollte stets mit Demut durch die Welt gehen und nicht nur an sich sondern an das große Ganze denken, und bewusst leben. Die Welt ist ein Generationenprojekt. Für die Kinder und Enkel und für die Welt als Organismus, der Leben will, sollten wir uns sensibilisieren für eine bewusste Lebensweise.

ZRN: Wie kann man in diesem Themenfeld aktiv werden?

Lisa: Spricht Läden an, die viel Plastik verschwenden, schreibt Hersteller an, die doppelt verpacken. Es bleibt immer am Verbraucher hängen. Durch das Kaufverhalten hat man die Wahl, Anbieter in Verantwortung zu zeihen.

Weitere Informationen findet ihr hier: https://www.fuellbar-witten.de

Eine Liste mit Unverpacktläden findet ihr hier: https://11ie.de/uebersicht-der-unverpacktlaeden/

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Autorin: Betül Mis