Zahnräder fragt: Fair Trade, Bio, Zerowaste, Vegan, Halal und Islam? – Ein Gespräch mit Nadina Memagic

Nadina Memagic (27) ist gebürtige Bosnierin, gefühlte Hamburgerin und sesshaft in München. Als ehemaliges Zahnrad widmet sie sich heute beruflich dem Tanz, Gesang, Schauspiel und der Fotografie und gibt Klavierunterricht. Sie kocht vegetarisch, sie wandert, sie mag es minimalistisch -kurz: sie schätzt die Nähe zum Natürlichen. Sie ist nicht nur Träumerin, sondern noch weiter Visionärin. Sie überschreitet im Denken die Grenzen der Realität, denkt Realität neu und setzt für Veränderungen in ihrem eigenen Leben an. So auch im Thema Nachhaltigkeit. Während andere in ihr eine Amelie Poulain sehen, die naiv und hoffnungsvoll die Welt zu einer besseren gestalten möchte, findet sie sich in einer Kreuzung zwischen Phoebe und Monica aus der TV Serie „Friends“ wieder. Phoebe, ein esoterisches Hippiemädchen, schräg und herzlich zugleich. Sie achtet auf ihre Umwelt, und ernährt sich vegetarisch. Monica hingegen ist eine sture Perfektionistin, hat einen verbissenen Putzwahn, der fast schon neurotisch ist. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die etwas zu erzählen hat!

ZRN: Gab es einen Schlüsselmoment, oder ein erschütternder Anlass, der dich zum zerowaste Lifestyle bewogen hat?

Nadina: Ich las einen Artikel über Lauren Singer, eine junge New Yorkerin, deren Plastikmüll von zwei Jahren in ein Schraubglas passte. Damals achtete ich bereits auf meinen Konsum, trennte Müll und sorgte für nachhaltige Verpackung. Und als ich von zerowaste hörte war mir schnell klar: das spiegelt meine Intention wider, so möchte ich leben.

ZRN: Was hat sich in deinem Leben geändert, seitdem du auf zerowaste achtest? Welche Kompromisse musstest du eingehen? Gibt es trotzdem Produkte, bei denen du keinesfalls auf Plastik verzichtest?

Nadina: Ich habe zunächst analysiert, was die größte Masse an Müll ausmacht: Es waren ganz klar Tetra Pak. Wir sind auf Milch in Glasflaschen (Pfand) umgestiegen, und haben Vieles in größeren Mengen unverpackt im Internet bestellt, da größere Mengen weniger Einzelverpackungen haben.

Seitdem der Unverpacktladen in München aufgemacht hat, kaufen wir dort Trockenprodukte ein und den Rest aus der Münchener Bioladenkette VollCorner. Diese ist kein Konzern, sondern wird geleitet von einem Ehepaar, das sich wirklich Gedanken über das Konzept macht, auch kleine Firmen in das Sortiment aufnimmt, also stets dynamisch und innovativ ist. Unser Obst und Gemüse beziehen wir von der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), dem „Kartoffelkombinat“. Das Kartoffelkombinat ist eine genossenschaftlich organisierte Gemeinschaft, die ihr Gemüse, zusammen mit ausgewählten Partnern, selbst anbaut.

Kompromisse, die ich eingehen musste: Anfangs habe ich die Sojamilch selber gemacht, dann wurde es zu anstrengend und ich bin wieder umgestiegen auf Vollmilch im Glas. Schokolade kaufe ich verpackt, achte aber darauf, dass sie nicht doppelt verpackt ist. Auf Klopapier verzichte ich nicht, und bei der Supplementierung mit Nahrungsergänzung kommt man auch nicht um Plastik drumherum. 

Was sich in meinem Leben geändert hat? Um ein paar ganz alltagspraktische Beispiele zu nennen: Flaschenmilch statt Tetra Pak, Hartseife statt Flüssigseife, Jutebeutel statt Plastik, Trinkflasche statt Plastikflaschen, Schraubglas für Tee statt To-Go Einwegbecher, Brotbox für die Überreste im Restaurant statt Wegwerfen, Bambuszahnbürste statt Plastikzahnbürste, Zahnputzpulver aus Xylit und Heilerde statt Tuben, Öle statt Cremes, Menstruationstassen/ Stoffbinden statt Binden/ Tampons, Stoffwindeln statt normale Windeln. Die Kosmetik ist neben der Küche der größte Müllproduzent. Im Allgemeinen sollten wir unsere Beautyroutine minimalisieren, denn der Körper kann sich ganz gut selbst regenerieren. Neben der Umwelttauglichkeit der aufgezählten Ersatzprodukte, wird auch der Geldbeutel stark entlastet.

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Zerowaste_Kitchen_Spices
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Zerowaste_Bathroom

ZRN: Letztens stand in der ZEIT ganz groß auf der Titelseite: „Die Deutschen verbrauchen mehr Kunststoff als alle anderen Europäer, weil sie glauben, ihr gesamter Müll werde recycelt. Aber da täuschen sie sich.“ Ist das trennen von Plastikmüll nicht ausreichend für eine nachhaltige Lebensweise? Was hat es mit dem Grünen Punkt für recycelbare Waren auf sich?

Nadina: Die Wirtschaft gaukelt ständig eine Kreislaufwirtschaft vor, wobei in Wirklichkeit eher downgecycelt wird, man bekommt also nie wieder einen reinen Rohstoff zurück. Plastik kannst du nicht ewig recyceln, beispielsweise Aluminium hingegen schon etwas länger. Der Grüne Punkt ist eine Abwärtsspirale, bei der am Ende wieder Müll produziert wird. Er steht für die Kreislaufwirtschaft. Das heißt es werden Wertstoffe aus Abfällen gewonnen. Der Produzent gibt seine Verantwortung des produzierten Mülls an den Verbraucher ab, wobei man die Produzenten mit dem Kaufverhalten auf eine grundsätzliche Reduktion des Mülls umstimmen sollte. In Anbetracht der Emissionen ist das Recycling der Verbrennung vorzuziehen, dennoch ist es nicht nachhaltig, wenn man nur in die nächsten 10, 20 Jahre denkt. Wie kann ich den Müll grundsätzlich reduzieren? Das ist eine wegweisendere Frage. Zerowaste Lifestyle wird zu sehr potenziert und schreckt damit ab. Es ist natürlich ein Ideal, jedoch impliziert dieser Lebensstil eine Reduktion des Müll Schritt für Schritt zu weniger. Es gibt definitiv Alternativen und dafür muss der Hersteller daran arbeiten und die Konsumenten fordern. Naturschutz ist keine Einbahnstraße.

Infobox: Was bedeutet der Grüne Punkt?
Der Grüne Punkt ist ein geschütztes Markenzeichen der „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (DSD)“ und steht für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, also die konsequente Nutzung von Wertstoffen aus Abfällen. Mit der permanenten Weiterentwicklung des Recyclings führt der Grüne Punkt immer mehr Wert- und Rohstoffe einer Verwertung und einem neuen Nutzen zu. Das schützt endliche Ressourcen, das Klima und die Umwelt. Ist der Grüne Punkt auf eine Verpackung gedruckt, so zeigt der Hersteller dieser Verpackung damit, dass er die Pflichten der Verpackungsverordnung erfüllt.“ Quelle: https://www.gruener-punkt.de/de/verbraucher/wie-funktioniert.html

ZRN: Gibt es weitere Themenfelder, die für dich unmittelbar mit dem zerowaste Lifestyle zusammenhängen und für die du dich ebenfalls im Laufe der Jahre sensibilisert hast?

Nadina: Wir, meine Familie, sind zunächst einmal komplett auf Bio umgestiegen. Dann kam beim Fleisch die berühmte frage „Bio und Halal- geht das und wo gibts das?“ auf. Anfangs haben wir Biofleisch gekauft, da Bio für mich mehr halal war als das, was mir die halal Label versprechen. Das konnten wir aber auch nicht lange mit unserem Gewissen und unserem Portemonnaie vereinbaren. So wurden wir Vegetarier und in dieser Zeit bin ich ebenso peu à peu auf zerowaste umgestiegen. Fair trade, bio, zerowaste, vegan, halal – alles hängt unmittelbar zusammen und die Ganzheitlichkeit ist wichtig. Irritierend fand ich zum Beispiel, dass es Bohnen aus China im Unverpacktladen gab. Das hat mich total zum Nachdenken gebracht: Dann kaufe ich lieber verpackte Bohnen aus Bayern, die regional sind, anstatt die Transportemissionen in Kauf zu nehmen. Was den Vegetarismus betrifft: Die geläufige Tierhaltung ist zum einen das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte und zum anderen sind die Tiere keineswegs zerowaster: Kühe produzieren Methan, das Erderwärmung stark beeinflusst und nehmen große Anbauflächen für Viehfutter ein. Man sollte sich Gedanken über alle Lebensbereiche machen und sein Leben ganzheitlich umstellen. Das kann mit dem Jutebeutel starten und damit weiter gehen, dass man keine Bücher über Amazon bestellt, und stattdessen grüne Projekte, wie FairTrade Label, Grüne Bücher und E-Mailanbieter unterstützt.

ZRN: Im Koran steht „Esset von ihren Früchten, wenn sie Früchte tragen, doch gebet davon am Tage der Ernte (dem Armen) seinen Anteil, seid (dabei aber) nicht verschwenderisch! Wahrlich, Er liebt diejenigen nicht, die nicht maßhalten.“ (6:141) Das muss doch ein unmissverständlicher Aufruf zu saisonalen Produkten und gegen Verschwendung sein! Glaubst du, der Koran birgt grundsätzlich einen Aufruf für Umweltschutz in sich? Schöpfst du deine Motivation zu einem minimalistischen Leben unter anderem auch aus deinem Glauben?

Nadina: Ja! Der Prophet hat immer bei Gelegenheiten, wo alle von einem gemeinsamen Teller aßen das Essen vor sich gegessen und nie hinweggegriffen. Übertragen kann man das darauf, dass wir essen sollten, was in der Region wächst, anstatt dem, was von weitem kommt. Zudem nahm der Prophet nur so viel an Nahrung zu sich, wie es nötig war und übertrieb nicht. Alles, was besteht, wird von Allah angeboten, jeder Stein, jedes Atom, ja alles betet Allah an. Man muss sich Gedanken darüber machen, wie man sich seinen Mitgeschöpfen gegenüber verhält und mit welchem Respekt und welcher Achtsamkeit man auf dieser Erde läuft. Im Quran gibt es Beispiele und Beschreibungen über unsere Welt und Umwelt, und darüber, dass jedes Geschöpf seinen Respekt verdient und seine Daseinsberechtigung hat. Um den Minimalismus im Leben des Propheten zu exemplifizieren: Die Bescheidenheit des Propheten drückte sich in der Handvoll persönlicher Sachen aus, die er besaß. Seine Sachen hatten Namen, die er somit gehegt, gepflegt und wertgeschätzt hat. Das konnte er so behutsam, weil er so wenig hatte. Das ist logisch, mit wenigen Sachen weiß man die einzelnen Dinge mehr zu schätzen, es ist überschaubarer, man hat Zeit und um sie einzeln zu pflegen. Hz. Omar beispielsweise lief in geflickten Sachen herum. Nach einer Überlieferung über den Propheten, besaß er nur zwei Gewände: Einen für den Alltag und einen für Freitage. Der Aufruf, nicht verschwenderisch zu sein, ist ein Aufruf, in Maßen zu leben, den geraden Weg „siraṭ almustaqim“ zu gehen.

ZRN: An Ramadan fällt mir die enorme Plastikverschwendung an gemeinsamen Fastenbrechen in Moscheen besondern auf. Wird das Thema Nachhaltigkeit gesamtgesellschaftlich, aber auch in der muslimisch-deutschen Community ausreichend behandelt? Wie siehst du die Entwicklung?

Nadina: Innerhalb der muslimischen Community gibt es zahlreiche Initiativen, wie Hima (mehr dazu), Nour Energy (mehr dazu); kleinere Initiativen in Moscheen: Grüne Moscheen, wie die mit Photovoltaikanlagen betriebene Mevlana-Moschee in Weinheim und Emirsultan-Moschee in Darmstadt, OpenFair Iftar in Darmstadt und in München, das Buch Öko-Dschihad: Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung von Ursula Kowanda Yassin; das paar Greenukum und auch der Tag der offenen Moschee 2013 stand unter dem Motto „Umweltschutz“. In Deutschland ist Nachhaltigkeit seit Jahrzehnten ein Thema. In Ursprungsländern der muslimischen Einwanderer, wie beispielsweise in Bosnien gibt es andere Probleme, die vor dem Naturschutz standen. Der Input von Konvertiten in Deutschland ist immens, was eigentlich auch ein bisschen traurig ist, weil unsere Religion seit jeher so viel vorgibt, und uns für vieles verpflichtet, was den Umweltschutz anbelangt. Eigentlich müsste die Initiative von muslimischen Ländern entspringen.

ZRN: Du plastikfastest zwar das ganze Jahr über: Was hat es mit dem „Plastik-Fasten“ an Ramadan an sich?

Nadina: An Ramadan faste ich strenger auf Plastik. Ich sammle über ganz Ramadan meinen Plastikverbauch. 

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NourEnergy #RamadanPlastikfasten Kampagne

Dies ist eine tolle Initiative von NourEnergy mit einem Schaubild veranschaulicht, was Fasten im übergreifenden Sinn bedeutet und welche grünen Alternativen es gibt. Das Schaubild ist selbsterklärend, die größte Überwindung ist nur, dass man sich trauen muss, sich gegen die gesellschaftliche Mehrheit zu bewegen, so auch in der Moschee und bei gemeinsamen Fastenbrechen. Keine Servietten zu verschwenden, kein Plastikgeschirr zu verwenden, keine Essensreste wegzuwerfen, einen Abend auf Fleisch zu verzichten, sich trauen anders zu sein und einfach vorleben ohne zwangsläufig unangenehm dabei zu werden. Im Folgenden Artikel könnt ihr mehr über meinen #zerowasteiftarchallenge lesen: http://basmamagazine.com/2017/06/16/zero-waste-iftar-challenge/

ZRN: Hast du gute Tipps, wo man sich über eine nachhaltige Lebensweise informieren kann? Wie kann man sich am besten engagieren?

Nadina:  Ich persönlich bin ein Blogfan. Ich empfehle Lauren Singers Blog (http://trashisfortossers.com); Bea Johnsons Blog (https://zerowastehome.com); den Blog (https://www.goingzerowaste.com); einen deutschen Blog (https://wastelandrebel.com/de/) und die Instagrammerin lesswaste_lessworries, die mathematisch ihre Emissionen berechnet. Es gibt viele lokale Foodsharing Möglichkeiten, die ich besonders für Studenten und Bürger mit wenig Budget empfehle. Rettet euren Geldbeutel und vor allem, rettet Lebensmittel, denn Lebensmittel sind so kostbar. 2/3 vom Essen wird weggeworfen. Betreibt Communityarbeit im kleineren Kreise der Familie und Freunde, teilt Sachen untereinander, schaut, was in der Nachbarschaft so läuft, geht in Repaircafes, um kaputte Sachen zu reparieren und denkt mit.

ZRN: Möchtest du den LeserInnen noch etwas mitgeben?

Nadina: Das beste Projekte bei dem man sich engagieren kann: Man selbst ist das größte Projekt. Packt euch am eigenen Ärmel. Einen schönen Ramadan wünsche ich Euch.

Hier lang zu Nadinas Blog: https://www.instagram.com/rumis.mom 

Im Gespräch mit Lisa Schauerbeck, Studentin der Universität Witten/ Herdecke und Mitbegründerin der verpackungsfreien Füllbar in Witten:

Vor knapp zwei Jahren öffnete die Füllbar mit unverpackten Lebensmittel sowie Hygieneprodukte. Die Behälter bringen die Kunden selbst mit. Für Spontankäufe sind im Laden aber auch Gläser, Flaschen, Dosen und Beutel erhältlich. Abgewogen werden die Produkte vor Ort, so dass die Menge je nach Bedarf variiert und keiner zu große Menge kaufen muss, die er eigentlich gar nicht benötigt. Auch Workshops zu abfallreduzierter Babypflege und zerowaste finden hier regelmäßig statt. Auch kooperiert dieser Laden mit der lokalen Foodsharing Initiative und bietet einen Kühlschrank im Laden für gespendete und zu kühlende Lebensmittel aus lokalen Bazaren und Läden. Ermöglichen konnte das komplett ehrenamtlich arbeitende Team die Füllbar durch eine Startfinanzierung vom Stellwerk sowie zahlreiche Spenden. Die ursprüngliche Idee dieser zerowaste Läden kommt von der Gründern des Berliner Originalunverpackt Ladens Milena Glimbovski.

ZRN: Lisa, woher entspringt deine Motivation, dem zerowaste Lifestyle zu folgen?

Lisa: Der Hauptmotivator war zunächst einmal die Neugierde. Dann sah ich Bilder von Tiere, die durch Plastikmüll starben, was mich als Veganerin sehr stark bewegte. Die Frage, die man sich stellen muss ist: Was passiert mit dem entstandenen Müll früher oder später. Entstehen beim Prozess des Recyclings Schadstoffe? Wann kann man etwas nicht mehr recyceln? Landet das alles nicht am Ende im Wasser und in der Erde als Mikroplastik und letztendlich im Körper der Lebewesen? Man sollte stets mit Demut durch die Welt gehen und nicht nur an sich sondern an das große Ganze denken, und bewusst leben. Die Welt ist ein Generationenprojekt. Für die Kinder und Enkel und für die Welt als Organismus, der Leben will, sollten wir uns sensibilisieren für eine bewusste Lebensweise.

ZRN: Wie kann man in diesem Themenfeld aktiv werden?

Lisa: Spricht Läden an, die viel Plastik verschwenden, schreibt Hersteller an, die doppelt verpacken. Es bleibt immer am Verbraucher hängen. Durch das Kaufverhalten hat man die Wahl, Anbieter in Verantwortung zu zeihen.

Weitere Informationen findet ihr hier: https://www.fuellbar-witten.de

Eine Liste mit Unverpacktläden findet ihr hier: https://11ie.de/uebersicht-der-unverpacktlaeden/

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Autorin: Betül Mis

By |Dienstag, 12 Juni, 2018|News|0 Comments

Zahnräder fragt: Betüliful über Nachhaltigkeit, Engagement und Social Entrepreneurship

Das Zahnräder Netzwerk hilft nicht nur jungen Social Entrepreneurships beim Start ihres Wirkens, auch unsere aktiven Mitglieder sind sehr engagiert und haben sich soziales Engagement zur Herzenssache gemacht. Doch soziales Engagement hört nicht bei der freiwilligen Arbeit im Netzwerk auf, sie führen neben Studium und Beruf unterschiedliche nachhaltige Unternehmen mit dem Fokus auf soziale Anstöße. Wir haben uns mit unseren Aktiven zusammengesetzt, sie zu ihrem Engagement, Zielen und Hürden ausgefragt und dabei viel gelernt, was unsere persönlichen Helden uns vorleben.

Wenn wir stets Feuer und Flamme für unsere Ziele im Leben einstehen würden, könnten kleine Stufen in ihrer Gesamtheit Vehementes bewirken. – Betül Mis

Social Entrepreneurship ist nicht allein auf den Zuwachs von Kapital orientiert, vielmehr steht das soziale Engagement des Unternehmens im Vordergrund, mit dem sie die Welt ein Stück weit verbessern wollen. Doch auch edle Ziele bergen viele Hürden. Betül Mis erklärt uns wie man kreativ und innovativ seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.

ZRN: Liebe Betül, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast mit uns über deinen Shop betüliful zu sprechen. Seit deinem 11.Lebensjahr stellst du in Handarbeit Accessoires her und vertreibst diese neulich in einem E-Shop. Du arbeitest gerne mit natürlichen Materialien und einer Vielfalt an Farben. Was stellst du genau her?

Betül: Schon als Kind hatte ich großes Interesse an kreativer Arbeit und mit dem fortschreitenden Alter vollzog auch meine Arbeit eine Metamorphose. Ich gestaltete zunächst Schmuck aus Plastikperlen, dann aus Glas und Natursteinen, später widmete ich mich dem Upcycling, also dem Wiederverwerten von alten Materialien wie Papier und Naturmaterialien, dann arbeitete ich mit Draht.

Heute verkaufe ich auf meinem Shop Schmuck aus Gießharz und getrockneten Naturmaterialien, also eine Emmergenz aus allen Techniken, an denen ich mich bisher herantastete. Ich trockne Blumen selbst oder Blumen aus besonderen Anlässen werden eingeschickt, damit sie in Form von Kettenanhängern, Schlüsselanhängern, Ohrringen, Messingrahmen oder Handyhüllen verewigt werden. Den Variationen sind keine Grenzen gesetzt und wachsen stets im Austausch mit Kundenwünschen.

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ZRN: Wie wichtig ist dir dabei Nachhaltigkeit? Auf was achtest du bei der Auswahl der Materialien?

Betül: Der maßgebliche Unterschied zwischen Handarbeit und Industrieproduktion bzgl. Nachhaltigkeit ist, dass sie nicht auf dem Prinzip der geplanten Obsoleszenz hergestellt wird. So heißt das Prinzip, das die vorsätzliche Verkürzung der Lebensdauer eines Produktes von Beginn an vorsieht, damit das Produkt schnell verfällt und ein neues gekauft werden muss. Eine Markt-Masche, die die Produktion am Laufen hält und den Menschen zur Wegwerfgesellschaft erzieht. Ich arbeite mit beständigen Materialien, wie Kupfer und Messing und beschichte das Harz mehrfach, um die Nachhaltigkeit des Materials und die Zufriedenheit der Kunden zu gewährleisten. In Handarbeit steckt viel Mühe und Liebe, die man so lange wie möglich konservieren möchte. Zudem verpacke ich grundsätzlich mit recyclebarem oder gar recyceltem Papier/ Karton.

ZRN: Du hast eine sehr kreative Lösung gefunden dich sozial zu engagieren und ein kleines Unternehmen zu führen. Wie bist du darauf gekommen dein Talent zu vermarkten?

Betül: Schon in jungen Jahren verkaufte ich auf Bazaren und Handwerkermärkten, um mir etwas Taschengeld dazuzuverdienen. In meiner Zeit als Stipendiatin bei der START Stiftung kamen wir mit MitstipendiatInnen auf die Idee, Workshops Rund um das Thema Kunst zu organisieren und durch den Verkauf von Stücken, die in diesem Rahmen von Teilnehmenden hergestellt werden, Einnahmen für soziale Einrichtungen zu gewinnen. Es war ein Drang und eine Überzeugung, dass jede/r mit den ihr/ ihm zur Verfügung gestellten Talenten auf eine ganz individuelle Art und Weise zu Veränderungen beitragen kann. Und bei mir war es eben die kreative Komponente, die es weiterzuentwickeln galt.

ZRN: Wie viel Support hat dir dein Umfeld von der Idee bis zur Umsetzung entgegen gebracht? Würdest du sagen, die Menschen in deinem sozialen Umfeld haben dir den letzten Impuls gegeben den Schritt Richtung Unternehmen zu wagen und deine Kreationen zu vermarkten?

Betül: Ja definitiv! Alle großen Wagnisse fangen klein im eigenen Umfeld an und das Umfeld kann Talent und Veranlagung oft besser erkennen und anerkennen als manch einer selbst. Meine Eltern sind seit jeher die tatkräftigsten helfenden Hände, die mir zur Seite stehen. Und besonders unterstützend sind auch Freunde, die Inspirationen sind, bei Verkaufsständen mithalfen und erste Einkäufe tätigten.

ZRN: Mit welchen Zielen bist du an die Sache herangegangen? Konntest du deine persönlichen Ziele erreichen? Welche Kompromisse musstest du dabei eingehen?

Betül: Zunächst war es ein Hobby und ein kreativer Ausgleich zum Schulalltag, dann wurde es zu einem Experimentierfeld für erste unternehmerische Versuche durch eine Existenzgründung mit 16 Jahren, die schon früh scheiterte. Und Anfang 2018 habe ich mit einem ganz neuen Konzept und neuen Materialien, dem Gießharz und getrockneten Blüten, einen unternehmerischen Neuanfang gewagt. Blüten, die ich jahrelang zwischen Tagebüchern konservierte wurden zu ersten Versuchsobjekten. Mein primäres Ziel war die Selbstentfaltung und, dass irgendwann Menschen sich gegenseitig mit betüliful beschenken und Freude bereiten und ich dadurch an Freudemomenten Vieler teilhaben kann. Ich denke, das hat betüliful geschafft.

ZRN: Auf welche Probleme bist du gestoßen; woran musstest du arbeiten?

Betül: Die größte Schwierigkeit war zunächst die Etablierung und Vermarktung. Mit einem simplen Instagramaccount begann ich den Verkauf. Menschen aus meinem Freundeskreis, später aus verschiedenen Communities, in denen ich mich bewegte, haben mich in meinem Vorhaben unterstützt und Werbung gemacht. Auch Menschen, denen ich nie begegnet bin, teilten Schmuckstücke aus meiner Seite auf ihren Accounts. Kunst verbindet wahrlich! Die größte Herausforderung heute ist das Zeitmanagement; neben dem Studium investiere ich mindestens einen gesamten Tag in der Woche für betüliful, ein Nebenjob quasi.

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ZRN: Von Januar bis Februar 2018 hast du ein Teil der Einnahme an die Human Relief Foundation (HRF) gespendet. Wie bist du dazu gekommen und warum wurde es gerade diese Organisation?

Betül: Der Auftakt von betüliful kollidierte mit einer Spendensammelaktion einer engagierten Freundin Sennur Bedir. Anlässlich der Flucht der Rohingya aus Myanmar wurde das Geld für die Waisenkinder eingesetzt, denen Unterkunft, Grundversorgung und Bildung gewährleistet wurde. Die Organisation galt als transparent und vertrauenswürdig und hatte ein muslimisches Wertefundament, das den Drang zum Guten aus dem Glauben schöpfte. Ich heiße es sehr willkommen, mich auch an einer Spendenaktion zu beteiligen, die nichtmuslimische Belange fördert.

ZRN: Bestimmte Organisationen auszuwählen birgt auch oft Gefahr Kunden vom Kauf abzuschrecken. Wie bist du dieser Hürde begegnet und wie war die Resonanz, die dir entgegengebracht wurde?

Betül: Ja, das Risiko war mir bewusst. Gerade nichtmuslimischen KundInnen hätte sich möglicherweise nicht mit der Organisation identifizieren können; das hätte abschrecken können. Aber so war es nicht. Die Resonanz war durchwegs positiv und insbesondere nichtmuslimische KundInnn spendeten sogar Überbeträge. Das gemeinsame Ziel der Wohltätigkeit kann jegliche vermeintliche Grenze überbrücken. Der Drang zum Guten hat keine Religion oder Ethnie. Es ist ein allumfassender und gesamtgesellschaftlicher Wert.

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ZRN: Soziales Engagement wird oft als elementare Komponente des Islam bezeichnet. Wie stehst du dazu? Siehst du es als Pflicht als Muslima etwas Gutes in der Gesellschaft zu leisten? Und kommt der Impuls zum sozialen Engagement aus deinem Glauben heraus? Hört für dich das soziale Engagement bei “von Muslimen für Muslime” auf?

Betül: Für mich hat Wohltätigkeit eine grenzüberschreitende Bedeutung, aber auch aus meinem islamischen Glaubensfundament schöpfe ich viel Energie dafür. Soziales Engagement ist ein integrativer und institutionalisierter Bestandteil des islamischen Gesellschaftsmodells. Um ein paar Beispiele zu nennen: Die Bereitschaft des Propheten Abraham (as), seinen Sohn Ismael (as) zu opfern ist nicht nur ein Zeichen seiner Gottergebenheit. Die materielle Opferung des Opfertieres stattdessen ist eine religiöse Pflicht gegenüber Allah (swt) und den Bedürftigen und Nachbarn und sensibilisiert den Gläubigen für die Angelegenheiten der Gesellschaft.

„Und dient Allah und stellt Ihm nichts zur Seite, und erweist den Eltern Wohltaten und ebenso den Verwandten, den Waisen und Armen, den nahestehenden Nachbarn und den fernen Nachbarn, und dem Gefährten an eurer Seite und dem Reisenden und den Unfreien. Wahrlich, Allah liebt nicht die, die überheblich und stolz sind.“ (4:36)

Im Begriff „ferner Nachbar“ seien selbstverständlich auch nichtmuslimische Nachbarn inbegriffen, gegenüber denen wir als deutsche Muslime auch Verantwortung tragen. Der Islam vertritt neben der Einheit Gottes auch die Einheit der Menschen. Als Kinder Adams und Evas sind sind wir also vor Gott gleich, wie können nichtmuslimische MitbürgerInnen in meinem sozialen Bemühen für mich dann nicht gleichgestellt sein? Das wäre eine Anmaßung. Zudem ist die Almosengabe und noch weiter die Sadaqa als dritte Säule des Islam eine unmissverständliche Verpflichtung zum sozialen Engagement. Auch das Leben des Prophet Muhammad (as) weist eine hohe Sensibilität für Natur, Tiere und Mitmenschen auf, das wir uns neben dem Koran als Vorbild nehmen sollten. Beenden möchte ich mit einer signifikanten Überlieferung des Propheten Muhammad (as) zu diesem Thema: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ (Dschâmiu’s Sağîr).

ZRN: Welche Überraschungsmomente hattest du bislang bei deinem kreativen Business?

Betül: Die wertvollste Erkenntnis war es, dass Brainstorming und Kundenkontakt so viel Inspiration in sich birgt. Auch lernt man durch die Plattform Instagram neue, wertvolle Menschen kennen. Zudem habe ich dieses Jahr durch das Sammeln und Trocknen der Blüten für meinen Schmuck die Jahreszeiten viel bewusster durchschritten, war öfter in der Natur und habe die Vielschichtigkeit der Farben und Gestalten der Flora und Fauna viel intensiver wahrgenommen. Man sieht sie Welt stets aus der Perspektive, auf die man sich fokussiert.

ZRN: Könntest du dir vorstellen, deine bisherige Arbeit zu erweitern?

Betül: Ja, das ist zwangsläufig, weil ich mit den Wüschen der KundInnen wachse und stets auf sie eingehe.

ZRN: Was würdest du anderen jungen Unternehmern, die in den Startlöchern ihres eigenen Social Entrepreneurships stehen, mit auf den Weg geben?

Betül: Klein anfangen, nicht aufgeben, vor allem netzwerken und austauschen, und stets offen für Kritik sein, um das Produkt oder das Konzept den Wünschen und Bedürfnissen der Zielgruppe anzupassen. Ich habe die Schmuckgestaltung damals von einer Dame aus Adana, Heimatstadt meiner Eltern, in der Türkei gelernt. Ich entdeckte sie vor ihrer Haustür am Werkeln, woraufhin sie mir eine kleine Einführung gab. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, /Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“ -Hesse „Stufen“

Wenn wir stets Feuer und Flamme für unsere Ziele im Leben einstehen würden, könnten kleine Stufen in ihrer Gesamtheit Vehementes bewirken. Irgendwo in dieser Welt schlummern Menschen und Potentiale, die das gleiche Träumen wie ihr, oder schon Meilensteine für euch gelegt haben. Vernetzt euch, teilt eure Kenntnisse, entwickelt, wachset. Die Synergie dieser Kräfte bringt eine wertvolle Emergenz hervor. Bleibt dran an euren Träumen.

ZRN: Betül, vielen Dank nochmal für das anregende Gespräch! Wir können sicherlich alle etwas von dir lernen und wünschen dir weiterhin viel Erfolg.

 

Über Betül Mis: 

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Betül Mis ist Studentin der Philosophie, Politik und Ökonomik an Universität Witten/ Herdecke und engagiert sich bei WoW e.V. und im TeamGLOBAL der Bundeszentrale für Politische Bildung. Neben ihrem vielfältigen Engagement ist sie auch seit 2017 bei dem Zahnräder Netzwerk im Communications Team aktiv und steckt hinter unseren Posts auf unseren Social Media Kanälen. Das Engagement beim Zahnräder Netzwerk bedeutet für sie Weiterentwicklung. Auf uns gestoßen ist sie durch die Gründerin Kübra Gümüsay. Was sie an Zahnrädern besonders begeistert? Die Fruchtbarkeit der Vielfalt der muslimischen Bekenntnisse, die dem Netzwerk seine dynamische Gestalt verleiht. Unterstützen könnt ihr sie durch den Kauf ihrer Accessoires auf:  https://www.instagram.com/betueliful/

Autor: Seyma Nur Alarslan

By |Mittwoch, 16 Mai, 2018|News|1 Comment

SAVE THE DATE – Zahnräder Summit 2018

Das Datum für unsere diesjährige Zahnräder Veranstaltung steht fest – vom 14.09. bis 16.09.2018 möchten wir mit euch in Bad Wildbad diskutieren, kreieren und bewegen.

Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Engagement Global (mehr zu unserem Partner) haben wir uns Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Unter diesem thematischen Schwerpunkt stellen wir für euch eine Reihe an Workshops, Beiträgen und andere Aktivitäten zusammen.

Alle weiteren Informationen zum Thema, zu den Referenten, Workshops und Veranstaltungsort werden rechtzeitig auf unserer Homepage  und unseren Social Media Kanälen veröffentlicht. Stay tuned!

Wir freuen uns auf eine tolle gemeinsame Zahnräder Veranstaltung und hoffen auf euer Kommen! Wir sehen uns am 14.09.2018 in Bad Wildbad!

„Es gibt nichts gutes, außer man tut es.“ – Erich Kästner – Aber wie?

Ali Aslan Gümüsay, Gründungsvorsitzender des Zahnräder Netzwerks (2010) und zurzeit Postdoktorand an der Universität Hamburg, publizierte in den vergangenen Wochen drei Artikel, die die Themen Soziales Unternehmertum und Religion tangieren und die Wichtigkeit von Netzwerken, wie das Zahnräder Netzwerk, betonen.

Herausforderungen für GründerInnen

Im ersten Artikel „Individual and organizational inhibitors to the development of entrepreneurial competencies in universities“, erschienen im „Research Policy“ hat Gümüsay das akademische Unternehmertum analysiert, was ausschlaggebend für die Bedarfsanalyse war, welchen Herausforderungen GründerInnen sich bei der Erlangung unternehmerischer Kompetenzen stellen müssen und wie Universitäten diesen entgegentreten können.

Junge GründerInnen stehen bereits im ersten Schritt vor der größten Herausforderung: Wie kann ich unternehmerische Kompetenzen vor der Gründung erwerben, um gewerbliche Unternehmungen erst erfolgreich angehen zu können? Beim Erwerb unternehmerischer Kompetenzen benennt Gümüsay zusammen mit seinem Co-Autor Bohné drei Herausforderungen: die strukturellen, kulturell-kognitiven und relationalen Hemmnisse.  Letztere Beziehungshemmnisse drücken betroffene GründerInnen mit ihrer Angst vor falschen Informationen über eine Unternehmensgründung und einem fehlenden, vertrauenswürdigen Netzwerk aus (Dis- & misconnection). Insbesondere fehle ihnen während der Gründungsphase der Kontakt zu WissenschaftlerInnen mit früherer industrieller Erfahrung, mit denen GründerInnen die kommerzielle Dimension ihrer Erfindung erforschen können (Distance). Distanz und schlechte Konnektivität zu Schlüsselpersonen werden somit unter Beziehungshemmnissen zusammengefasst. Diese stellen nach Gümüsay eine neue und vehemente Hemmnis bei der Entwicklung unternehmerischer Kompetenzen dar. Erfahrene akademische UnternehmerInnen überbrücken diese Herausforderungen durch Gründung eigener Netzwerke für aufstrebenden akademischen UnternehmerInnen, um Wissen, Kontakte und Motivation zu bündeln und Hilfestellung, Ermutigung und Mentoring anzubieten. Aus genau dieser Idee heraus ist auch das Zahnräder Netzwerk entstanden.

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Unternehmerische Möglichkeiten

Im zweiten Artikel „Unpacking entrepreneurial opportunities: an institutional logics perspective“, erschienen in der Zeitschrift „Innovation: Organization & Management“, entwickelt Gümüsay ein neues Verständnis über unternehmerischen Möglichkeiten, indem er Unternehmertum mit sozialen und religiösen Werten verknüpft und aufzeigt, wie unternehmerische Chancen aus alternativen Perspektiven, insbesondere unter Berücksichtigung von Gemeinschaft und Religion, vielfältig bewertet werden können und wie sich dadurch neue unternehmerische Chancen ergeben.

Soziales Unternehmertum bzw. Social Entrepreneurship, nach Gümüsay eine wichtige neue Perspektive, verbindet unternehmerisches, also marktorientiertes Handeln mit einem sozialen Zweck. Dieser Zweck kann jegliche gesellschaftliche Bereiche, wie Bildung, Armut, Umwelt oder Gesundheit tangieren.  Gümüsay knüpft an Thornton, Ocasio und Lounsbury (2012) an, die sieben institutionelle Ordnungen und damit verbundene Logiken beschreiben: Familie, Gemeinschaft, Religion, Staat, Markt, Beruf und Unternehmen. Diese „Leitlinien zur Interpretation und Funktion in sozialen Situationen“ beeinflussen, wie wir unternehmerische Chancen wahrnehmen und verfolgen. Während die Religion eine der am wenigsten erforschten Logiken sei, präge sie, als eine der Kerndimensionen einer Person, auch ihre Unternehmungen und schlussfolgernd das Unternehmen selbst. Religiöses Unternehmertum verbindet nach Gümüsay marktwirtschaftliche, soziale und religiöse Anliegen. Der Begriff „wor(k)ship“ betone die Bedeutung von Arbeit und Gottesdienst und damit die Komplexität der unternehmerischen Möglichkeiten. Auch das Zahnräder Netzwerk könne an dieser Stelle als ein Ort verstanden werden, wo MuslimInnen in Deutschland von der religiösen Maxime „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ (Dschâmiu’s Sağîr) angetrieben, unternehmerische Ziele verfolgen.

Das Zahnräder Netzwerk unterstützt muslimische SozialunternehmerInnen bei der Realisation vielfältiger Projekte – von der Idee über die Umsetzung bis hin zum Endergebnis. Getreu dem Motto: von Muslimen für die Gesellschaft – Für mehr Teilnahme und Teilhabe an unserer Gesellschaft.

Individuen und Organisationen können sich dem institutionellen Pluralismus stellen und somit von mehreren institutionellen Logiken gleichzeitig geprägt sein, wodurch unternehmerische Chancen durch eine Kombination dieser Logiken definiert und verfolgt werde. UnternehmerInnen, die ihre Unternehmung aus pluralen Perspektiven prägen, benötigen Bewertungsmechanismen, um institutionelle Spannungen zu lösen, da der institutionelle Pluralismus zu Zielkonflikten zwischen unterschiedlicher Logiken führen könne.

Hier zur Publikation

 

Islamisches Unternehmertum

Im dritten Artikel „The Potential for Plurality and Prevalence of the Religious Institutional Logic“, der im „Business & Society“ erschien, erwähnt Gümüsay das Zahnräder Netzwerk als Inkubator, der unternehmerische und soziale Aktivitäten fördert- ganz im Sinne islamischer Werte.

In diesem Artikel erläutert Gümüsay, dass die Perspektive der institutionellen Logik besonders förderlich sei, um die Rolle von Religion auf der Makroebene für Organisationen zu untersuchen. Hierbei setzt er bewusst an der institutionellen Logik an, da diese im Einklang mit der Perspektive der religiösen Logik stünde, und genau so „das sozial konstruierte, historische Muster materieller Praktiken, Annahmen, Werte, Überzeugungen und Regeln ist, mit denen Individuen ihre materielle Existenz produzieren und reproduzieren, Zeit und Raum organisieren und ihrer sozialen Realität Bedeutung“ verleihe (Thornton & Ocasio, 1999). So kann auch die Religion mit weiteren Fragen der Wirtschaft und Gesellschaft in Verbindung gebracht werden. Er ruft auf, die Rolle der Religion in einer postsäkulären Gesellschaft zu überprüfen, da Religionen bei genauerer Beobachtung des wertebasierten Unternehmertums eine wichtige Quelle von Werten und Bedeutungen aufzeigen.

Islamisches Unternehmertum sei ein lehrreiches Beispiel, um die Tragweite und die latente Rolle von Religionen in der Wirtschaft aufzuzeigen. Es sei nicht einfach eine Kombination von Islam und Unternehmertum, sondern vielmehr eine Transformation des Wirtschaftens durch Religion, da religiöse Richtlinien Überzeugungen und Verhaltensweisen, Produkte, Prozesse und Praktiken beeinflussen. Islamic Entrepreneurship bestünde aus drei miteinander verflochtenen Säulen: Wertschöpfung, Werteverwirklichung und ein metaphysisches Streben nach Gott.

Der Islam spezifiziere die Wertschaffung durch Werte, wie gegenseitiges Einverständnis bei unternehmerischen Kooperationen, Achtung gegenüber Natur, Tier, Arbeiterrechte, wie die rasche Bezahlung des Lohns „bevor sein Schweiß trocknet.“ Das metaphysische Bestreben nach Gottes Wohlgefallen (Quran 51:56) wird so Zentral für die Unternehmung. Das Verbot von Alkohol, Glücksspiel, Pornographie und Zinsen beispielsweise begrenze bestimmte Marktaktivitäten und lege Grenzen und Anweisungen für Unternehmensaktivitäten fest.

Hier geht’s zur Publikation

Ein Buchkapitel über das Zahnräder Netzwerk kann übrigens hier heruntergeladen werden.

By |Dienstag, 10 April, 2018|News|0 Comments

Meet and Greet mit dem Vorstand: Zahnräder X Hessen läutet das Jahr mit einer Veranstaltung ein

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Was steht uns im neuen Vereinsjahr bevor? Welche Änderungen will der neue Vorstand in Angriff nehmen und welche Ziele sollen verfolgt werden? Bei einem Meet and Greet mit dem Vorstand hatten die Gäste und Mitglieder des Zahnräder X Teams in Hessen Gelegenheit den neuen Vorstandsvorsitzenden diese und viele andere Fragen zu stellen.

Zahnräder X Hessen hat sich mit den neuen Vorstandsmitgliedern, Zeynep Alraqeb und Tugba Uzak, in Frankfurt am Main zu Beginn des Jahres getroffen. Unter den insgesamt 20 Teilnehmern, u.a. aus Berlin, Stuttgart, Mainz und Saarbrücken, war auch Ibrahim Kahraman (ehemals Vorstandsvorsitzender 14/15) anwesend. Gemeinsam mit dem Vorstand diskutierten die Teilnehmer einige brennende Fragen: Was ist das Zahnräder Netzwerk? Was zeichnet es aus? Wie erreicht es seine gemeinwohlorientieren Ziele für die Zukunft? Was hat man in der Vergangenheit erreicht?

Das Zahnräder-Netzwerk ist eine neutrale, unabhängige Networking-Plattform von Muslimen für Muslime. Die Mitglieder und Alumni aus den unterschiedlichsten Fachbereichen und Branchen bereichern mit ihrem Know-How das Programm. So wurden bereits in der Vergangenheit viele wertvolle Projekte ins Leben gerufen und jährlich deutschlandweite Konferenzen zu sozialen Projekten organsiert. Das Empowering von innovativen Themen und Social Entrepreneurship steht dabei im Vordergrund. Dieses Jahr startet eine Kooperation mit Engagement Global, gefördert  vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die gemeinsamen Ziele für die Jahre bis 2030,  wie z.B. „Bekämpfung der Armut/Hungersnöte“, „Gewährung von hochwertiger Bildung“, „Zugang zu Energie verbessern“ oder „Bekämpfung des Klimawandels“, wurden in einem 17-Punkte-Programm zusammengefasst. Dieses Jahr steht bei dem Zahnräder Netzwerk das Thema Nachhaltigkeit im Vordergrund. Dank der Förderungen und Kooperationen wird das Netzwerk hoffentlich wichtige Meilensteine setzen und das Thema im Kontext muslimischen Engagements positionieren.

Was hat das Netzwerk denn in der Vergangenheit geleistet?

Die Projekte wurden und werden grundsätzlich mit Mentoring und finanziellen Mitteln gefördert.  Durch die Unterstützung des Netzwerks an NourEnergy konnte das Budget für den Bau eines Waisenhaus in Afghanistan vollendet werden. Auch die Arbeit mit Defislam und Süßwasser e.V. gehören zu vergangenen Errungenschaften. Doch auch Konferenzen wie z.B. von vor zwei Jahren zur Flüchtlingsthematik fanden statt. Die Konferenzidee wird weiterhin ausgeführt, allerdings zukünftig öfter und lokaler.

Im kommenden Herbst 2018 soll es schon die nächste deutschlandweite Zahnräder Netzwerk Konferenz geben. So, stay tuned.

„Zahnräder hat uns Freunde fürs Leben geschenkt.“ – Interview mit dem neuen Vorstand

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Seit dem 09.12.2017 vertreten zwei motivierte Frauen unser Zahnräder Netzwerk- Tugba Ilhan und Zeynep Alraqeb. Wir haben ihnen einige brennende Fragen aus der Zahnräder Community gestellt. Unter anderem erfahrt ihr was die beiden antreibt und welche Pläne und Wünsche sie für die Zukunft des Netzwerks mitbringen.

 

ZRN: Mit der Wahl als Vorstandsvorsitzende hat für euch eine spannende und herausfordernde Zeit begonnen. Was hat euch dazu inspiriert den Vorstandsposten zu übernehmen?   

Zeynep: Ein kurzer Rückblick auf das was das Netzwerk bisher ermöglicht und verändert hat – sei es unsere Gesellschaft zu bereichern oder den Lebensweg von einzelnen Menschen zu verändern. Die Idee und Arbeit des Zahnräder Netzwerkes weiterzuführen und weiterhin Zukunftsgestalter miteinander zu verknüpfen, etwas Großes zu schaffen, ist für mich Inspiration und Motivation mehr Verantwortung zu übernehmen.
Tugba: Ich glaube an das Potenzial des Netzwerks und denke, dass wir uns nur durch den Zusammenhalt von selbständigen und aktiven Muslimen in der Gesellschaft positionieren können.

ZRN: Ihr habt nun einige Zeit im Vorstandsposten hinter euch – seid ihr noch hochmotiviert dabei oder musstet ihr bereits einige schwierige Herausforderungen meistern?

Zeynep: Mehr Verantwortung bringt immer mehr Herausforderungen mit sich – große und kleine. Diese auf neue, kreative, innovative und vielleicht vorher unvorstellbare Wege zu meistern, ist hochspannend und sehr motivierend.
Tugba: Es wird weiterhin eine große Herausforderung bleiben bei einem rein virtuellen Netzwerk die Motivation zu erhalten. Wir wollen mehr offline Veranstaltungen planen, um den Zusammenhalt zu stärken. Auch wenn es sich ohne Vereinsräume schwieriger gestaltet, bin ich sicher, dass wir das Ziel auch erreichen.

ZRN: Euer Engagement bei ZRN ist… eine Herzenssache, Kampf um Ideale oder guter Punkt im Lebenslauf?

Vorstand: Definitiv eine Herzenssache. Zahnräder hat uns Freunde fürs Leben geschenkt. Dafür können wir nicht genug dankbar sein. Und natürlich Wissen. Wir habe so viel gelernt – und hoffen sehr, dass wir vieles auch weitergeben können.

ZRN: Welche persönlichen Ziele habt ihr euch für die Vorstandszeit gesetzt?

Zeynep:  Menschen bewegen. Sie verbinden. Veränderung in der Gesellschaft fördern.
Tugba: Als Berlinerin möchte ich mehr reisen und die Zahnräder live treffen. Diese Eindrücke und neuen Impulse helfen mir sehr bei meiner Arbeit. Zuletzt war ich in Frankfurt und war begeistert von den Teilnehmern.

 

ZRN: Was soll sich im Netzwerk, eurer Meinung nach, dringend ändern?

Vorstand: Wir sollten unseren gesamten Fokus nicht nur auf eine Konferenz legen, sondern über das Jahr verteilt mehrere Veranstaltungen und Workshops planen. 2018 muss Zahnräder mehr präsent sein! Wir wollen uns mehr offline vernetzen und uns austauschen.

ZRN: Was wird sich, eurer Meinung nach, im Netzwerk niemals ändern?

Zeynep: „Zahnräder-after-conference-feeling“ (aka extrem inspiriert, fasziniert, neue tolle Menschen kennengelernt, müde und unbeschreiblich glücklich auf die kommende gemeinsame Zeit und etwas traurig, dass man zurück zum „normalen“ Alltag muss…).
Tugba: Die Frage ob Skype oder Hangout …

ZRN: Welche Frage stellt ihr im Netzwerk am häufigsten?

Zeynep: Was und wie können wir gemeinsam etwas bewegen, uns gegenseitig helfen und vorankommen?
Tugba: Was denkst du darüber? Mir ist es sehr wichtig verschiedene Meinungen einzuholen und den Status quo immer zu hinterfragen.

 

ZRN: Ihr habt euch für Nachhaltigkeit als thematischen Schwerpunkt für das Vereinsjahr entschieden. Wie wollt ihr das Thema im Netzwerk positionieren?

Vorstand: Nachhaltigkeit zu fördern und zu schaffen ist im und außerhalb des Netzwerks eine Kernbotschaft. Egal ob ökonomische, soziale, ökologische und/ oder religiöse Bereiche Wir wollen nicht nur Veränderung in der Gesellschaft und beim Einzelnen, sondern stets nachhaltige Veränderung. Schließlich sind wir Zahnräder. Wir müssen uns bewegen. Immer.
Im Herbst 2018 wird das Zahnräder Netzwerk erstmals in Kooperation mit dem BMZ und Engagement Global eine bundesweite Konferenz zu den 17 Nachhaltigkeitszielen, den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen veranstalten, auf der hoffentlich mehr als 100 Teilnehmer zusammenkommen werden. Die Agenda 2030 schafft die Grundlage dafür, weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten.

ZRN: Wie wollt ihr im Zahnräder Netzwerk Nachhaltigkeit fördern?

Vorstand: Konkret in dem wir für aktive Mitglieder Workshops oder Seminare anbieten zu Themen wie Innovation, Wirtschaft, Weiterentwicklung, Empowerment und Stärkung von Soft-Skills. Eine weitere Kernaufgabe des Vorstands ist es, die Vision zu gestalten und die Definition von Zielen sowie deren Erreichung nachhaltig zu verfolgen. Der Vorstand muss das große Ganze im Blick haben und für die Nachhaltigkeit sowie langfristige Gestaltung eintreten.

ZRN: Das klingt definitiv sehr spannend! Aber nun wollen wir etwas mehr von euch erfahren. Wer ist euer persönlicher Held?

Vorstand: Sehr viele. Je mehr wir auf tolle Menschen treffen, desto mehr Helden finden wir- vor allem im Zahnräder Netzwerk.

 

ZRN: Traditionen oder Neuanfang wagen?

Vorstand: Je nachdem. Traditionen sind genauso wichtig wie Neuanfänge. Manchmal muss man sich von altem loslösen können.

 

ZRN: Wen wolltet ihr aus dem Netzwerk schon immer mal persönlich treffen?

Vorstand: Am liebsten alle und vor allem diejenigen, deren Stimmen man aus den Telefonkonferenzen kennt, aber nie persönlich begegnet ist.

 

ZRN: Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade arbeitet?

Zeynep: Lesen, reisen, lachen – mit Familie und Freunde.
Tugba: Ich koche sehr gerne und höre dabei Podcast das entspannt mich sehr.

ZRN: Mit einem Blick in die Zukunft – wo seht ihr das Netzwerk in 5 Jahren? Und in 10?

Vorstand: 2030: Zahnräder veranstaltet eine Konferenz in London mit Menschen aus aller Welt.
ZRN: Danke, dass ihr euch Zeit für uns genommen habt. Wir wünschen euch beiden viel Erfolg und Vergnügen in eurer Amtszeit und freuen uns in Zukunft mehr von euch zu hören.

 

By |Montag, 1 Januar, 2018|News|0 Comments

Interview Said – Von Toleranz und Engagement

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Im Dezember letzten Jahres haben wir zur Wahlurne gebeten und einen neuen Vorstand gewählt. Mit dem Vorstandswechsel geht eine aufregende Zeit für die bisherigen Vorsitzenden zu Ende. In ihrer Amtszeit ist viel geschehen, sie sind an persönliche und an die Grenzen des Netzwerkes gestoßen. Wir haben unserem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, Said, in einem Gespräch auf den Zahn gefühlt wie seine bisherige Zeit bei den Zahnrädern war. Aber lest selbst…

 

ZRN: Du hast eine aufregende, aber auch spannende Zeit bei dem Zahnräder Netzwerk hinter dich gebracht. Wenn du auf die vergangene Zeit zurück blickst, was hat dich damals dazu bewegt den Posten als Vorstandsvorsitzender zu übernehmen?

SAID: Bevor ich in den Vorstand gewählt wurde, hatte ich mich bereits drei Jahre lang in leitender Funktion engagiert. In dieser Zeit habe ich mich, anders als in meinem Studium, persönlich weiterentwickeln können. Mit der Übernahme des Vorstandspostens von den Gründern, habe ich eine Chance gesehen dem Netzwerk etwas zurückzugeben.

 

ZRN: Du hast von den Gründern ein besonderes Erbe bekommen. Mit welchen Zielen bis du das Amt angetreten? Was wolltest du anders machen als bisher?

SAID: In den ersten Jahren hatte ich das Ziel die bisherigen Aktivitäten mit der Bundeskonferenz im Fokus weiter fortzuführen. In den letzten Jahren jedoch hat mich das Vorhaben motiviert das Netzwerk neu aufzustellen, in dem wir noch genauer unsere gesellschaftliche Wirkung definieren.

 

ZRN: Du sprichst die gesellschaftliche Wirkung des Netzwerkes an. Die Zahnräder haben in den letzten Jahren viel bewegen können. Dies war unter anderem möglich, da das Netzwerk bestimmte Ideale und Vorstellungen in der Gesellschaft angesprochen hat. Welches persönliche Ideal hast du während deiner Zeit im Netzwerk verfolgt?

SAID: Das Zahnräder Netzwerk ist ein Verein, der alleine durch ehrenamtliches Engagement am Leben gehalten wird. Die vielen Engagierten opfern viel Zeit und Mühe und bilden eine sehr verbundene Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft aufrechtzuerhalten war mir immer eine Messlatte.

 

ZRN: Worauf bist du besonders stolz?

SAID: Mich hat die gelebte Toleranz unter den Zahnrädern beeindruckt. Jeder von uns lebt und praktiziert unterschiedliche Glaubensansätze, und wir haben uns stets gegenseitig Räume zugestanden dies zu machen. Diese Toleranz und Vielfalt ist in vielen Aspekten inspirierend.

 

ZRN: Als Vorstandsvorsitzender steht man auch vielen Hürden gegenüber, die man bewältigen muss. Was konntest du in deiner Amtszeit nicht erreichen?

SAID: Der Verein hat viele Potentiale, die noch nicht zur vollen Entfaltung gekommen sind. Eine jüngere Idee von mir war es einen virtuellen Engagement-Atlas zu erstellen, der das Engagement von Muslimen noch sicherbarer gemacht hätte. Viele Mitbürger, gleich ob Muslime oder Nicht-Muslime, könnten dann auf einen Blick sehen wo und wie sich Muslime in ihrer Stadt engagieren.

 

ZRN: Wir haben vorhin über Hürden gesprochen – an welchen Entscheidungen, die du treffen musstest, zweifelst du bis heute?

SAID: Meine selbstkritischer Ansatz lässt mich auf viele vergangene Situation zurückblicke und mich selbst hinterfragen. Ich habe viel Erfahrung in einer Führungsposition gewonnen und wäre rückblickend gern mutiger gewesen mir meine eigenen Grenzen einzugestehen und andere um Unterstützung zu bitten.

 

ZRN: Du sprichst hier einen wichtigen Punkt der persönlichen Entwicklung an. Was hast du in deiner Zeit als Vorstandsvorsitzender noch dazu gelernt?

SAID: Zahnräder verbindet auch viele Muslime, die eine Idee haben und etwas starten wollen. Dieser unternehmerische Geist hat mich inspiriert und lässt mich noch von größeren persönlichen Zielen träumen. Ich habe gesehen wie andere mit ihrem Vorhaben gescheitert sind, aber trotzdem noch die Kurve bekommen haben. Ich finde es wichtig, dass man bei all dem Ernst des Lebens auch über sich und das eigene Scheitern lachen kann. Das habe ich gelernt und habe keine Angst mehr groß zu träumen, weil es mal schief gehen könnte.

 

ZRN: Welche Lehre hast du für dein persönliches Leben gezogen?

SAID: Wir lernen nichts Neues kennen, wenn wir nichts Neues machen.

 

ZRN: Als ein „altes“ Zahnrad, wie bewertest du das Engagement von Muslimen heute?

SAID: Viele Fördertöpfe für Muslime kommen aus dem sogenannten Präventionsbereich, die sich mit der De-Radikalisierung und Prävention von Extremisten beschäftigen. In den letzten Jahren hat diese Finanzierungsquelle die Aufmerksamkeit vieler engagierter Muslime auf sich gezogen – zu viel. Die muslimische Zivilgesellschaft hat ganz andere Bedürfnisse, die einfach nicht bedient werden.

 

ZRN: Wo siehst du das Netzwerk in den nächsten fünf Jahren? Wird so ein Verein noch nötig sein?

SAID: Solange es engagierte Muslime in Deutschland gibt, wird es auch immer eine Frage nach Vernetzung geben. Ich glaube, das wird sich auch in 100 Jahren nicht ändern.

 

ZRN: Du hast in vergangener Zeit viel erlebt und gelernt mit und bei den Zahnrädern. Was würdest du dem neuen Vorstand gerne mit auf den Weg geben?

SAID: Eine zentrale Herausforderung ist es nach wie vor in einfachen Worten zu erklären was Zahnräder bewirken möchte.

 

ZRN: Jetzt kommt deine wohlverdiente „Zahnräder-Rentenzeit“! Wie geht es für dich weiter?

SAID: Mein Papa möchte, dass ich mal für irgendeine Behörde arbeite, ein sicheres Einkommen beziehe und später mal in Pension gehe. Ich muss ihm irgendwie erklären, dass ich Sozialunternehmer werden möchte, keine Ahnung haben woher ich mein Einkommen beziehe und nicht an die Rente glaube… es liegt viel Arbeit vor mir! Dem Zahnräder Netzwerk bleibe ich aber als Beiratsmitglied weiter treu.

 

ZRN: Said, vielen Dank für deine Zeit und dein langjähriges Engagement bei dem Netzwerk! Wir wünschen dir im Namen aller Zahnräder das Beste für die Zukunft und viel Erfolg in deiner beruflichen Laufbahn.

By |Montag, 25 Dezember, 2017|News, Veranstaltungen|0 Comments

Zahnräder Podiumsdiskussion 2017 – Engagement von Muslimen in Deutschland. Zwischen Chancen und Grenzen

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„Wir können etwas bewegen!“ mit diesen Worten eröffnet Kübra Gümüşay in ihrer Keynote die Podiumsdiskussion zum Engagement von Muslimen in Deutschland. Sie zeichnet ein Bild des Glaubens an Veränderlichkeit, einer besseren Zukunft und des ‚Muslim Empowerment‘; doch betont auch das Gefühl der Ausnahmesituation vieler Muslime in Deutschland. Es ist das Gefühl einer fehlenden Stabilität und der Garantie einer besseren Zukunft. Sie bezeichnet es als ‚Hoffnungslosigkeit junger Muslime zwischen Rassisten und Fundamentalisten‘. Viele verfallen in Frustration über die Debatten um Missstände und ihrer Position als ‚Islamerklärbär‘ in der Gesellschaft, der wie ein innerer Zwang Islam zu erklären wahrgenommen wird. Sie stellt auch die Frage, ob es uns an Individualität fehle. Schuld daran sei eine Obsession mit öffentlichem Islambild. Eine Entwicklung, bei dem das radikale Recht „Ich zu sein“ im Spannungsverhältnis mit der Last des „ihr-seins“ steht. Man sei immer noch das Subjekt, auf den ein großes Konstrukt symbolisch geladen wird und trage die Last als Stellvertreter Konzepte verständlich nahezubringen. Es klingt nach einem Gefühl der Ohnmacht und Frustration nicht voranzukommen und immer wieder die gleichen Diskussionen zu führen. Ein Beigeschmack, der sich in der Podiumsdiskussion wiederholt. Was Kübra als „Zahnräder-Flash“ bezeichnet, das Zusammenkommen engagierter Mitglieder der muslimischen Community über alle Grenzen hinweg, erscheint als ein Funken Hoffnung in der Keynote. Sie appelliert darauf, dass man sich vom ‚Islamerklärbär‘ zum Storyteller entwickelt, neue Wege geht, Türen öffnen und diese offen hält für andere, die danach kommen – so wie es die Generationen vor uns gemacht haben. Sie erkämpften vieles, was für uns heute eine Selbstverständlichkeit sei. Man solle Menschlichkeit durch Solidarität erkämpfen und Solidarität heiße solidarisch sein mit anderen marginalisierten Gruppen. Der ‚Zahnräder-Flash‘ blieb auf der Veranstaltung leider aus. Stattdessen entwickelte sich eine sachliche Diskussion schnell zu einem emotional geladenen Thema. Frustrierte Stimmen aus dem Publikum malen ein schwarzes Bild der deutschen Gesellschaft und Politik. Ein Hoffnungsschimmer erklang aus dem Publikum, bei dem eine Teilnehmerin besagte „Man soll sich auch bei etwas engagieren, was nicht den persönlichen Hintergrund ausmacht!“. Zudem erschien es auch, dass alle aufgezeigten Grenzen der entwicklungsbedürftigen Integrationspolitik in Deutschland zu Schulden seien. In einem Rückblick möchten wir mit euch die Inhalte der Podiumsdiskussion reflektieren: Wie geht man mit Shitstorm um? Auf die einleitende Frage der Diskussion antwortet Farah Bouamar aus dem Datteltäter-Kollektiv mit persönlichen Erfahrungen. Sie gründeten das Satirekollektiv auf YouTube um Parole zu bieten. Dafür wählten sie Humor als Methode, den sie als ‚universelle Sprache‘ verstehen. Man wollte ein eigenes Bild kreieren mit einer eigenen Narration. Ob sie bisher an Grenzen gestoßen sind? Nein, aber man habe einige emotionale Grenzen erreicht, die man als Lehre mitnahm und Antrieb für weiteres Engagement. Ihre Methode gegen Shitstorm? „Mit Humor angehen!“ Negative Kommentare nehme man als Impuls für neue Videos. Auch Kübra Gümüşay hat Erfahrungen mit Shitstorms gemacht. Der Verlauf und das Aufkommen von Shitstorms sei für sie jedoch der fehlenden Reaktion der sozialen Plattformen zu verschulden: „Es fehlt eine bessere Reaktion der Plattformen als Prävention von Shitstorms.“ Sie tragen hierbei keinerlei Verantwortung. Sie geht auch auf den Subtext von Shitstorms ein, die immer noch Instrument der Projektion des Hasses aus eine ‚Person als Platzhalter‘ dienen. Man werde immer noch pauschalisiert als Islamist abgestempelt. Gründe dafür sieht sie in der Unbelesenheit lauter Kritiker zu solchen Themen.  Sie fordert „mehr Kritik an laute Kritiker!“ Engagement als Bestandteil muslimischer Kultur? Wo liege der Ursprung für Grenzen und Hürden? Prof. Dr. Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin, sieht bei Muslimen den Vorteil, dass auf ein Forum hoffen können solche Erfahrungen zu teilen. Von der Diskriminierung im Alltag seien bei weitem nicht nur Muslime betroffen. Viele unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft seien gleichermaßen betroffen, was wiederum viele weitere Faktoren in sich zusammenfasst. Allgemein sei Deutschland nicht gut aufgestellt mit Diskriminierung umzugehen. Es bestehe großer Nachholbedarf. In wissenschaftlichen Untersuchungen haben sie einen Paradox der Integration entdeckt – große Sichtbarkeit führt zu zunehmender aggressiver Stimmung. Was die Gesellschaft noch nicht reflektiert habe sei der Wandel Deutschlands zu einem Einwanderungsland. Serap Güler, Staatssekretärin für Integration, betont, dass bürgerliches Engagement entscheidend für Politik und die Demokratie sei. Natürlich gäbe es auch ein großes Engagement in Moscheen ebenso wie in Kirchengemeinden. Kritik müsse hier Maß kennen! Es gäbe scheinbar weniger Engagement muslimischer Gemeinden im Vergleich zu christlichen, da weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stünden. Sie warnt hier vor einer Generalkritik. Dr. Naika Foroutan unterstreicht das Engagement muslimischer Gemeinden vor allem in der Flüchtlingsarbeit. Die mehrheitliche Flüchtlingsarbeit werde von Bürgern mit Migrationshintergrund geleistet. Andere Bevölkerungsgruppen verzeichnen weniger Bereitschaft zur Nähe und ein Gender Diskurs sei hier auch nicht zu vernachlässigen. Wandel durch Diskurs? Kübra Gümüşay stellt heraus, dass ein Wandel mit Sichtbarkeit erreicht werden könne. Es sei ein erster Schritt Richtung Normalisierung. Die Grundlegend zunehmende Akzeptanz konnte dank Diskussionsforen wie diesen erreicht werden. Doch gleichzeitig fordert sie: „Wir müssen aufhören Debatten zu führen!“ Für sie fühlen sich Muslime verpflichtet Islam zu erklären und dieses Verantwortungsgefühl sei wiederum ein Treiber für soziale Engagement. Hier steht jedoch die Frage offen, ob das tatsächlich der Antrieb für die Mehrheit der muslimischen Bürger ist. Dr. Naika Foroutan warnt vor einem Abbruch des Diskurses. Werfe man einen Blick auf den Dreamer-Diskurs in den USA, erkenne man auch dass Agency schütze. Solche Situationen in 10-15 Jahren undenkbar? Auf die Frage, ob solche Tendenzen in 10 bis 15 Jahren undenkbar sein werden, entgegnet Serap Güler, dass die Benennung der Religionsgruppe Moslem „nervig“ sein. „Man wird immer potentieller Terrorist bleiben!“ Der heutige Rechtsradikalismus sei beschämend und ein politisches Programm sei auf allen Ebenen wichtig und notwendig. Hierfür seien auch strukturelle Veränderungen elementar wichtig. Man bräuchte verbindliche Forderungen der Integrationspolitik und müsse rhetorische Signale der Vielfältigkeit senden. Ein großer Fehler sei in den Strukturen zu verzeichnen. Man bräuchte diskriminierungsfreie Verfahren wie zum Beispiel bei der Einstellung von Beamten. Kübra Gümüşay fordert ebenfalls eine Vielfalt auch auf hohen Ebenen. Strukturelle Veränderungen sollen nachhaltig gemacht werden im Diskurs mit muslimischen Bürgern. Dr. Naika Foroutan betont die Notwendigkeit einer Politik, in der das Sukzessive kontinuierlich abgebaut werde. Hierfür bräuchte man eine „Integrationspolitik für alle!“ Immerhin entscheide heute noch der Name vom ersten Tag an über Über- und Unterschätzung. „Die Lehrerausbildung in Deutschland muss sich verändern!“ Auf der internationalen Ebene sei die deutsche Integrationspolitik nicht mehr tragwürdig: „Abschieben auf Subjektive können wir uns nicht mehr leisten.“ Stattdessen spricht sie von einer Bewegung in Richtung für ‚alle‘, einer einheitlichen Integrations- und Antidiskriminierungspolitik für alle Bevölkerungsgruppen. Für Serap Güler fehlen Aktionen für den Wandel zu einem Einwanderungsland, jedoch habe sich die öffentliche Wahrnehmung zu dem Thema in 10 Jahren weiterentwickelt und eine neue Integrationsperspektive geschaffen. Bestimmt ein Pass eine Identität? Die Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland ruft gemischte Reaktionen in der Diskussionsrunde auf. Naika Foroutan positioniert sich in der Diskussion: „Wenn es schiefläuft, möchte ich die Möglichkeit haben abzuhauen und möchte meinen Kindern die Möglichkeit bieten.“ Serap Güler hingegen sieht in dieser Aussage Schwächen und warnt vor ‚Schwarzmalerei‘: „Ich bin auch bereit für mein Land (Deutschland) gegen sowas wie die AfD vorzugehen!“ Brauchen wir Politik speziell für Muslime? Auf die Frage des Publikums, ob Politik nicht die größte Verantwortung trage, entgegnet Serap Güler, dass die Gesellschaft immer noch der wichtigste Akteur sei. „Wenn wir Vielfalt wollen, müssen wir Sie überall einführen.“ Das sei nur möglich mit Beteiligung der Gesellschaft und einer klaren Formulierung von Forderungen. Eine weitere Frage des Publikums hinterfragt warum man von einer gelungenen Integration trotz vorhandener Erfolge nicht sprechen könne. Naika Foroutan weist hier nochmal darauf hin, dass Integration alle betreffe und nicht nur selektive Gruppen. Die strukturelle Veränderung hinke immer noch hinterher. Und sie stellt die Frage in den Raum, ob Sichtbarkeit die Leute provoziere. Kübra Gümüşay weist auf die Chancen dieser Sichtbarkeit hin: „Man muss mitbestimmen und selber Forderungen aussprechen.“ Das Parteiprogramm der AfD bleibt auch in der Fragerunde ein relevantes Thema. Ein Gast weist auf die ‚Verharmlosung‘ ihres Programms und Strategien hin. Sie fühle sich wie zur Zeiten des Nationalsozialismus und Antisemitismus. Für Serap Güler zweifelslos ein krasser Vergleich. Eine Wiederholung der Vergangenheit werde heute nicht zugelassen und man solle hierbei auf die Demokratie vertrauen. Sie warnt nochmals vor einer ‚Schwarzmalerei‘ der derzeitigen Zustände in Deutschland. Wir danken allen Teilnehmern und Gästen der Podiumsdiskussion für ihre wertvollen Beiträge und Denkanstöße. Ein besonderer Dank geht auch an das Organisations-Team für ein abwechslungsreiches und spannendes Rahmenprogramm am Wochenende der Veranstaltung sowie an das Kernteam und den Vorstand für ihre Unterstützung. Die Organisation der Podiumsdiskussion übernahm das Team bestehend aus Assad Dar, Hilâl Göksu, Ammar Çoban, Ilias Bakali und Esra Eres.

By |Samstag, 23 September, 2017|News|0 Comments

Podiumsdiskussion – Zwischen Chancen und Grenzen Einladung zur Podiumsdiskussion

Engagement von Muslimen in Deutschland – Zwischen Chancen und Grenzen
Einladung zur Podiumsdiskussion

Anlässlich der anstehenden Bundestageswahlen lädt das Zahnräder Netzwerk zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Engagement von Muslimen in Deutschland – Zwischen Chancen und Grenzen“ ein. Neben hochrangigen Gästen aus Politik, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft sowie Interessierten soll das bürgerliche Engagement von muslimischen Mitbürgern in Deutschland diskutiert werden.

Inspiration durch Pluralität

Eine pluralistische und multikulturelle Gesellschaft lebt von der Beteiligung sozialer Akteure aller Bevölkerungsgruppen. Als eine wachsende Bevölkerungsgruppe engagieren sich zunehmend muslimische Mitbürger in der Gesellschaft und tragen somit zu einem neuen Islamverständnis und der Gestaltung eines multikulturellen Raumes bei. Jedoch stoßen sie oft bei ihrem bürgerlichen Engagement an Grenzen. Welche Grenzen kann gesellschaftliches Engagement haben? Wie können Muslime zu einer multikulturellen Gesellschaft beitragen? Und wie können sie als religiöse Minderheit in Deutschland ihre Interessen einbringen? In Zeiten, in denen engagierte Muslime trotz ihres vielfältigen und positiven gesellschaftlichen Engagements an Grenzen stoßen, ist es umso wichtiger sich erkennbar für eine vielfältige Gesellschaft einzusetzen.

Diese Fragen und viele andere Themen diskutieren unsere Gäste am 09.September 2017 in Berlin.

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde sind:

Prof. Dr. Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik und stellvertretende Institutsdirektorin an der HU Berlin, Projektleiterin JUNITED
Serap Güler, Staatssekretärin für Integration
Kübra Gümüsay, Journalistin, Aktivistin und Bloggerin, Initiatorin der #SchauHin-Kampagne
Farah Bouamar, Datteltäter, Webvideokünstlerin, Youtube Fellow

Nach der Veranstaltung laden wir Euch zu einem „Get Together“ bei Drinks und Fingerfood herzlich ein.

Wir würden uns freuen, Euch als Teilnehmer an dieser Veranstaltung begrüßen zu dürfen und bitten darum, Euch bis zum 31. August 2017 anzumelden. Nach erfolgreicher Anmeldung erhaltet Ihr von uns eine Bestätigungs-E-Mail mit detaillierten Informationen zur Veranstaltung. Alle sind herzlich zum mitdiskutieren eingeladen! Wir freuen uns auf Euch!

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By |Freitag, 4 August, 2017|News|0 Comments

Dezembertreffen 2016 #beamaker

Während einige lieber auf der gemütlichen Couch sitzen und die Eiskristalle am Fenster beobachten, setzen sich andere freiwillig der Kälte aus. So auch das Zahnräder Team, dass wieder einmal zum alljährlichen Dezembertreffen zusammengekommen ist. Dieses Mal verschlug es uns in den Süden, wir setzen uns in das Auto, in den Zug und den Flixbus, um aus Stuttgart, Berlin, Duisburg, Lübeck, Vechta, Augsburg, Wiesbaden, Hamburg sowie unzähligen weiteren Städten zusammenzufinden.

40 Zahnräder haben im kältesten Monat des Jahres ihr Immunsystem auf die Prüfung gestellt und Mannheim mit ihrer positiven Energie erfreut: Am Samstagmorgen trafen alte und junge Zahnräder aufeinander, die sich in den Bereichen HR, PR, IT, Finanzen, Think
Thank, ZahnräderX und Mentoring engagieren und gemeinsam unsere Zahnräder zum drehen bringen.
Es herrschte eine großartige Stimmung. Für die einen war das Treffen eine Gelegenheit alte Gesichter aus der vergangenen Bundeskonferenz in München wiederzusehen und für andere eine Möglichkeit Leute kennenzulernen, die man sonst nur aus der Online-Zusammenarbeit kennt. Alles in allem lässt sich sagen, dass unsere Jugendherberge mit Zufriedenheit, Dankbarkeit und Gemeinschaftsgefühl erfüllt war.


Das Programm begann mit einer inspirierenden Koranrezitation von Yener Alarslan und Mutlu Öz. Im Anschluss hielt Selma Laiouar, Leiterin der ZahnräderX BaWü, eine herzliche Begrüßungsrede, in welcher sie den Teilnehmern des Treffens einen Blick hinter die Kulissen gewährte: Die Zahnräder Mutlu Öz, Hatice Kürtül, Meryem Sevim, Ulla Al-Khafadji, Merve Kayikci und Nil Kirbas organisierten mit viel Eifer, Fleiß und Sorgfalt das Dezember-Wochenende.

An dieser Stelle gilt besonderer Dank auch an Samira Ghozzi, die obwohl sie sich derzeit in Tunesien befindet, die Veranstaltung in Mannheim mitorganisiert hat.

Nach dieser Einführung in das Wochenende, erfolgte eine Besprechung der aktuellen
Situationen der Teams Finanzen, Think Thank, HR, PR, ZahnräderX, IT und Mentoring. Nach regem Gedankenaustausch gönnten sich die Zahnräder die wohlverdiente Mittagspause, woraufhin die Vorstellung der einzelnen Zahnräder Teams und deren neuen Mitglieder erfolgte, die von nun an tatkräftig mit am Rad drehen werden.

Der nächste Programmpunkt gestaltete sich aus einer tiefgreifenden, rückblickenden Analyse der beiden Vorstandsmitglieder Soufeina Hamed und Said Haider, in der es darum ging was das Netzwerk bisher erreicht hat und wo wir heute stehen. Anschließend wurde dieser Rückblick genutzt, um einen Relaunch zu setzen:
Unter der Agenda 2017 fällt die Podiumsdiskussion, die in Berlin noch vor den Wahlen unter der Leitung von Assad Dar organisiert wird. Alle bisherigen Gewinner-Projekte, die Allstars, sollen in einem ReCap zusammengefasst und veröffentlicht werden. Die Entwicklung, sowie die aktuelle Herausforderung der bisherigen Gewinner-Projekte seit ihrer Auszeichnung durch Zahnräder, soll evaluiert und analysiert werden. Die
nächste Bundeskonferenz im Jahr 2018 wird neben Sozial- und ehrenamtlichen Unternehmen auch klassische Startups mit einbeziehen können. Im ersten Quartal
plant das HR-Team mit einer Recruiting-Kampagne neue Aktive Mitglieder anzuwerben. All diese Punkte, die Said angesprochen hat, wurden im weiteren Verlauf des Treffens aufgegriffen und rekapituliert.

Damit solch ein Wochenende auch wirklich als gelungen bezeichnet werden darf, bedarf es einer sympathischen und unterhaltsamen Moderation, die wir in diesem Fall in Selma gefunden haben und die durch ihr talentiertes Auftreten überzeugt hat. Mit Lebkuchen, Spekulatius, Plätzchen und einer Packung Teamgeist setzten sich die Zahnräder in einem World Cafe zusammen und führten mit Elan und Tatendrang Brainstormings durch, führten hitzige Diskussionsrunden und eine ideenreiche Auseinandersetzung. Großes Interesse erweckte besonders die geplante Podiumsdiskussion.

Zum Schluß wurden die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen von den jeweiligen Repräsentanten unter dem tiefblauen Himmel Mannheims vorgestellt, wo sie von unzähligen Fragen durchlöchert wurden. Wie in München erschallte auch in der Jugendherberge Mannheim der leidenschaftlich-motivierte Aufruf: #beamaker!

Während der ideenreichen und produktiven Arbeitsphasen war das Social Media Team leidenschaftlich dabei, einzigartige Momente festzuhalten. Unser Fotograf Ömer Sefa wandte überaus viel Mühe dafür auf, kreative Shots zu kreieren, während die Snapchatterin Sumeyya Soylu Momentaufnahmen an jene Neugierige übertrug, die nicht teilnehmen konnten oder einfach nur gerne die Zahnräder Aktivitäten verfolgen wollten.

Am Abend erfreuten sich Feinschmecker und Genießer bei Unterhaltung und Gelächter am wohlverdienten kulinarischen Menü und durften auf diese Weise den anstrengenden, doch erfolgreichen Tag ausklingen lassen.

Tag 2 begann mit Augenringen, die sich nun nach der langen Hinfahrt des Vortages bemerkbar machten. Doch konnte der Tag nach dem Willkommensgruß der wunderbaren Moderatorin Selma und dem 2. Teil der Koranrezitation starten. Darauf folgte eine weitere Besprechung der Ergebnisse des World Cafes mit anschließender Kaffeepause, die von Gedankenaustausch und Reflexion geprägt war.
Der Tag näherte sich allmählich seinem Ende zu und eine etwas betrübte Abschiedsstimmung machte sich unter den Zahnrädern breit. Da kam das unterhaltsame interaktive Rate-Quiz des Organisationsteams unter der Moderation von Merve gerade recht. Beim Quiz ging es vor allem darum, trotz eisiger Kälte viel Grips zu zeigen und als Zahnrad unter Beweis zu stellen wie gut man seine Zahnradfreunde einzuschätzen kann. Trotz der niedrigen Temperaturen, überzeugten die Zahnräder selbstverständlich mit guten Ergebnissen!
Nach einem leckeren Mittagessen standen nun die Ehrungen an, bei dem die ein oder andere Träne floss. Alumnis wurden gekürt und mit einem kleinen Dankeschön ausgezeichnet.

Said hielt eine rückblickende Abschlussrede, in der er die Ergebnisse des Treffens festhielt. In einem Abschlussvideo sind die Highlights des Dezembertreffens sowie des gesamten Zahnradjahres noch einmal festgehalten. Diese und weitere unvergessliche Bilder sind tief in die Herzen der Teilnehmer verankert.

Die Zahnräder verließen die Jugendherberge mit aufgefrischter Motivation, Inspiration und mit neuem Tatendrang.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Zahnrädern, die das Rad auch im eisigen Winter zum Rollen gebracht haben!

By |Montag, 6 Februar, 2017|News|0 Comments