fbpx

Handel mit Produkten aus Krisengebieten – Wie das Start-Up Conflictfood Armut bekämpft und Perspektiven schafft

Es gibt vieles, was man von einem Gespräch mit den Gründern von Conflictfood Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger lernen kann, aber vor allem beeindruckt ihre Überzeugung: Unternehmertum und soziale Belange schließen sich nicht aus und auch Menschen in Krisengebieten kann man mit einem nachhaltigen Handelskonzept helfen. Ihre Überzeugung ist es auch, die ihnen Motivation und Antrieb zugleich gibt, trotz Hürden und Schwierigkeiten weiterzumachen. Was das genau bedeutet, erfahren wir hier direkt von den beiden.

Interview mit Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger

ZRN: Wie ist die Idee zu Conflictfood entstanden?

Salem: 2015 waren wir in Afghanistan und haben ein NGO Projekt besucht. Dort sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, dass in Afghanistan auch Safran angebaut wird. Also, sehr spannend, das kostbarste Gewürz der Welt wird hier angebaut. Dann kam noch die Info, dass es ein unabhängiges Frauenkollektiv gibt, welches früher Opium und jetzt Safran anbaut. Das fanden wir ebenso spannend und wollten es uns aus Neugierde anschauen. Irgendwann waren wir inmitten dieser Felder, bei der Ernte, bei diesen Frauen, und waren so beeindruckt, dass wir relativ schnell entschieden haben: Wir kaufen den Safran und erzählen über diesen Safran die Geschichte dieser starken und stolzen Frauen.

 

ZRN: Welchen Schwierigkeiten seid ihr bei der Gründung begegnet?

Salem: Das nötige Geld fehlt, denn wir haben keinen Investor, keine Kredite, wir haben alles eigenfinanziert, die Sparstrümpfe geleert, die Eltern um Unterstützung gebeten und das Geld verwendet. Das ist nach wie vor die größte Herausforderung, das Finanzielle.

Gernot: Jeder Cent, den wir einnehmen, fließt wieder in das Unternehmen, die Produktkreation, die Reisen, die Vorleistungen. Wir kaufen z.B. den Tee in Myanmar direkt von den Bauern.

Salem: Eine weitere Herausforderung ist, dass wir beide keinen unternehmerischen oder BWL Background haben. Ich komme aus dem Bereich Mode und Marketing.

Gernot: Ich komme aus dem Bereich Architektur und Städtebau.

Salem: Man hat aber auch einen Vorteil, weil wir mit wenig Mitteln kreativer sein müssen und  anders an die Sache ran gehen. Wir haben keine Businesspläne geschrieben und rumtheorisiert und ausgelotet. Wir haben losgelegt. Nichtsdestotrotz sind wir aktuell auf der Suche nach Impact-Investoren. Wir haben viel erreicht, und um noch mehr zu bewegen und zu verändern bedarf es eines Investors. Der nicht nur auf die Rendite schaut sondern auch auf den sozialen Mehrwert. Wir wollen ein professionelles Team aufbauen und mehr in den Vertrieb gehen und mehr PR und Marketing machen .

Die Gründer von Conflictfood: Gernot Würtenberger und Salem El-Mogaddedi

ZRN: Wie vereinbart Ihr die profitorientierte und die soziale Seite Eures Unternehmens?

Salem: Ich würde eher die Frage stellen, wieso ist eigentlich unternehmerisches Denken und soziale Verantwortung voneinander getrennt worden. Ich kann und ich sollte kein Unternehmen führen, wenn ich nicht nachhaltige, also soziale, ökonomische oder ökologische Aspekte fest in meinem Unternehmen verankert habe. Man kann Handel betreiben und trotzdem sozial verantwortlich agieren. Das ist für mich kein Widerspruch, sondern das gehört zusammen und ist voneinander untrennbar . Wichtig ist für uns, dass alle in diesem Unternehmen, alle Menschen, die daran arbeiten, partizipieren und zu tun haben, gefragt werden: “Passt das für Euch, fühlt sich das richtig an?” Beispielsweise haben wir die Frauen auch gefragt: “Was kostet eigentlich der Safran?” Klingt nach einer simplen Frage, ist es aber nicht! Im globalen Handel diktieren die Konzerne die Preise, frei nach dem Motto “Friss oder Stirb”. Die Bauern haben am allerwenigsten davon. Sie müssen oftmals unter Wert verkaufen, damit sie irgendwie überleben können.

 

ZRN: Was sind für Euch die größten Erfolge, die ihr seit der Gründung verzeichnen könnt?

Salem: Es gibt viele kleine und große Erfolge, wie die Awards und die große Medienresonanz, das ist super und sehr motivierend. Und die Unterstützung aus unserem Umfeld ist enorm und ein großer Erfolg. Wir sind sehr dankbar, weil uns viele Menschen auf unserem Weg begleiten und sie uns mit Ihrem Können zur Seite stehen. Sie glauben an uns, an unsere Arbeit und daran, das der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein nicht verdampft, er bewirkt viel.

Gernot: Einer der schönsten Geschichten war, als uns ein Kunde geschrieben hat, dass er unseren Safran seiner Familie geschenkt hat. Die gesamte Familie nahm dies zum Anlass einen ganzen Abend über Afghanistan als Land zu sprechen. Und das ist der eigentliche Erfolg, den wir verzeichnen. Das sie sich unsere Kunden unsere Produkte kaufen und Gedanken machen und Schranken abbauen.

 

ZRN: Was würdet Ihr neuen Start-Ups als Rat mitgeben?

Salem: Wenn man eine Idee hat, sollte man einfach anfangen. Nicht viel überlegen sondern machen. Es aufschreiben, am besten Gleichgesinnte suchen, Freunde mit einbeziehen und ein Netzwerk aufbauen. Freunde und Fremde Fragen was sie von der Idee halten. Nach Programmen, Workshops, Stipendien, Coachings ausschau halten. Es gibt viele Möglichkeiten. Beispielsweise hat uns das Social Impact Lab Berlin – gibt es auch in anderen Städten – sehr unterstützt mit seinem Gründerprogramm. Und ich sollte mir die Frage stellen, was für ein Start-Up möchte ich eigentlich gründen!? Wenn es keinen nachhaltigen Hintergrund hat, der Gesellschaft nichts zurückgibt und nur auf Gewinnmaximierung aus ist, dann bitte nicht gründen.

Conflictfood bei Zahnräder meets #17Ziele

ZRN: Hättest du mit deinem heutigen Wissen etwas von vornherein anders gemacht?

Gernot: Wir hätten vieles genauso gemacht. Und das heißt nicht, dass wir alles richtig gemacht haben – im Gegenteil. Drei Schritte vor, zwei zurück und wieder einen Sprung nach Vorne. Die Fehler sind alle richtig und wichtig gewesen für unsere Entwicklung, aus denen haben wir gelernt. Es gibt keinen Leitfaden, jede Gründung ist anders und was für uns stimmt, kann für andere falsch sein. Das wichtigste ist, authentisch zu bleiben und sich nicht zu sehr verbiegen. Kompromisse sind okay aber nicht um jeden Preis und vor allem nicht auf Kosten von Mensch und Natur.

 

Name: Conflictfood

Gründer: Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger

Gründung: 2016

Ziel: Conflictfood schafft durch Handel mit Bauern und Agrarkollektiven in Krisengebieten langfristig neue Perspektiven. Lokale Strukturen werden gestärkt und Fluchtursachen an der Wurzel bekämpft. Mit dem Handel wird ein Weg aus der Armut gezeigt und der Kunde hier erhält umfassende Informationen über die Menschen, deren Alltag, der Kultur und ihrer Geschichte.

Produkt: Tee aus Myanmar, Safran aus Afghanistan, Freekeh aus Palästina. Informationen über die Lände liegen den Produkten in Form einer Zeitung, Info und Rezeptkarten bei.

 

Autorin: Jenin Elen Abbas

 

Links:

https://conflictfood.com/

https://www.facebook.com/conflictfood/

https://www.instagram.com/conflictfood/

By |Montag, 12 November, 2018|News|0 Comments

Wie ein Schicksalsschlag zur Gründung eines sozialen Unternehmens führte – Ahmed Amarouch über sein Start-Up „Sharewater“

Ein schwerer Schicksalsschlag veränderte Ahmed Amarouchs Leben. Als Nachwuchs-Leichtathlet war er gerade dabei, für die olympischen Spiele zu trainieren. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges erhielt er ein Sportstipendium für ein Studium an einer US-amerikanischen Hochschule. Doch nach nur einem Jahr wurde ein Tumor in der Kniekehle diagnostiziert und sein Leben änderte sich schlagartig. Im Interview mit Zahnräder Netzwerk erzählt Amarouch, welchen Einfluss dieser Einschnitt in seinem Leben auf die Gründung seines sozialen Start-Ups hatte, welchen Schwierigkeiten er bis heute als Unternehmen begegnet und welche Ratschläge er anderen Unternehmern geben möchte.

 

ZRN: Wie ist die Idee zu Sharewater entstanden?

Ahmed Amarouch: Sharewater ist nicht von einem auf den anderen Tag entstanden. Manchmal sind es die großen Herausforderungen im Leben, die uns erlauben, manchmal sogar zwingen neue Wege einzuschlagen. In meiner Jugend war ich Leichtathlet, Top 3 in Deutschland und mein Ziel war es an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Durch die Leichtathletik, erhielt ich Angebote von US Universitäten und entschied mich dann, an der FDU, einer Privatuniversität in New Jersey, USA zu studieren. Nach meinem ersten erfolgreichen Jahr, wurde ein Tumor in der Kniekehle festgestellt. Das hieß, ich musste erstmal meine Karriere an den Nagel hängen. Manchmal fällt man im Leben und die erste Frage, die man sich stellen muss, ist nicht, ob man danach aufsteht, sondern wie schnell. Sechs Monate nach der Operation und einige Wochen nach der Strahlentherapie, entschied ich mich wieder in die USA zu fliegen. Ich wollte unbedingt wieder ins Leichtathletik-Team zurück und mein Studium beenden. Vor Ort an der Universität haben wir immer viele Fundraiser für Charities organisiert. Es war ein guter Weg, ein Teil einer größeren Vision zu sein. Für mich war dieser Weg dann, dass ich etwas machen wollte, mit dem man Leben verändern kann. Womit man langfristig etwas aufbauen kann, indem man ein Stückchen in der Welt verändert. Dadurch, dass mir dann vor allem Charities im Wasserbereich gefallen haben, bin ich dann auf das Konzept Sharewater gekommen. Denn ich habe gesehen, dass es diese Charities vor allem im Fundraising sehr schwer haben, genügend Kapital aufzubringen, um die Projekte zu finanzieren. Und dann dachten wir, gemeinsam mit dem Co-Gründer Hafid Amarouch, dass man das erreichen kann, in dem man nachhaltige Produkte verkauft. Dieser großen Herausforderung bewusst, habe ich auch den Master of Science in Water Science, Policy & Management an der Oxford Universität absolviert. Denn nur durch Einsatz bester Technologie und Wissenschaft können wir diese Wasserkrise gemeinsam bewältigen.

 

ZRN: Du sagst, dass Du vorher Athlet warst, aber was hat Leichtathletik konkret mit Wasser zu tun? Warum gerade Wasser?

Ahmed Amarouch: Jeder Gründer hat seine eigenen Bewegründe, etwas Neues zu starten. Für mich der Werdegang, als Sportler und der schon beschriebene Schicksalsschlag hat zu einem neuem Abschnitt in meinem Leben geführt. Man könnte es einen Trigger nennen, indem man sich als Mensch selbst hinterfragt, was ich mit meiner zweiten Chance machen will. So bin ich auf die Arbeit mit Wassercharities gekommen und was mich sehr an Wasser selbst fasziniert hat, ist, dass unser Zugang so alltäglich ist, dass man es für selbstverständlich hält. Umso mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr habe ich realisiert, welche Herausforderungen mehr als 600 Millionen Menschen haben, die diesen Zugang zu diesem einfachen Menschenrecht nicht haben.

Die Frage war nun, wie wir viele Menschen über die Wasserkrise aufklären können und gleichzeitig deren Unterstützung erhalten, um die Wasserprojekte zu finanzieren. Die Lösung war, durch ein alltägliches Produkt, dass man einfach kaufen kann. Eine Sache, die uns auch wichtig war, dass wir Transparenz liefern und man direkt eine Verbindung zu den Wasserprojekten durch den Konsum unserer Produkte hat. Dadurch hat jede Sharewater-Trinkbox einen QR Code, den man scannen kann. So kann man sehen, wo und wen man unterstützt, welche Technologie eingesetzt wird und wie man langfristig den Menschen helfen kann.

 

ZRN: Welchen Schwierigkeiten seid ihr bei der Gründung begegnet?

Ahmed Amarouch: Als Sozialunternehmer hat man bestimmte Visionen, und ein soziales Ziel, was bei uns ist, den Menschen den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Wenn man dann diese Vision, bei der man sagt, 50 % aller Einnahmen gehen in Wasserprojekte, umsetzt, realisiert man, wie schwierig es ist. Sobald man dann in die freie Marktwirtschaft geht, ist man einfach der Realität ausgesetzt. Und zwar, dass viele Unternehmen auf die Kosten schauen, unter anderem, dass unser Wasser im Vergleich zu den großen Produzenten, die keine soziale Vision haben, teurer ist. Wir stellen uns dem entgegen, indem wir sicherstellen, dass wir ein tolles Produkt haben. Unser Mineralwasser aus der Fläming Felsenquelle in Wiesenburg hat einen sehr geringen Natriumanteil und eignet sich dadurch sogar als Babywasser. Außerdem stellen wir sicher, dass jeder der dieses Produkt kauft langfristig einen Unterschied macht und Menschenleben rettet.

 

ZRN: Sind dies die Schwierigkeiten, denen ihr immer noch begegnet?

Ahmed Amarouch: Dadurch, dass wir auf vielen Events sind und viel in den Sozialen Medien machen und auch wirklich aufzeigen können, was wir in den Projekten vor Ort bewirken, auch durch unser Realtime-Monitoring Konzept, mit dem wir jetzt hier online gehen können und aufzeigen können, wie viel Wasser vor Ort auf unseren Projekt konsumiert wird, und ob die Wasseranlagen korrekt funktionieren. Dadurch ist es für uns um einiges einfacher, in die Gespräche zu kommen. So können wir Transparenz durch Daten aufzeigen sowie die Nachhaltigkeit unserer Wasserprojekte gewährleisten.

 

ZRN: Wie vereinbart Ihr die sozialen und ökonomischen Ansprüche von Sharewater miteinander?

Ahmed Amarouch: Ich denke nicht, dass sich das immer ausschließen muss. Wir haben das Konzept von der freien Marktwirtschaft, dass wenn wir wirtschaften, immer jemand darunter leiden muss. Das muss wirklich nicht der Fall sein. Wenn man nachhaltig wirtschaftet, und dem Umfeld etwas zurückgibt, gibt es eine Win-Win-Situation für alle.

Wir versuchen die Philosophie anzukämpfen, dass man sagt, man kann nur das eine oder das andere machen. Ich kann auch ein ganz einfaches Beispiel geben, wenn wir nur an den ökonomischen Fortschritt denken. Wenn wir erfolgreiche Unternehmer sehen, die rein wirtschaftlich agieren, hinterfragen wir auf keinster Weise, unter welchen Kosten für die Menschen oder die Umwelt dieser Wohlstand entstanden ist. Wenn wir aber auf einen Sozialunternehmer treffen , der Gewinne einfährt und gleichzeitig etwas Gutes tut, dann würden wir wirklich hinterfragen, warum diese Person einen gewissen Wohlstand hat. Da müssen wir eine Frage stellen: Warum kann man nicht etwas Gutes tun kann und gleichzeitig auch dabei etwas verdienen?

 

ZRN: Reichen die Gewinne von Sharewater aus, um Euren eigenen Lebensunterhalt zu sichern?

Ahmed Amarouch: Als e-commerce Start-Up, dass primär seine Produkte online verkauft, ist es sehr schwierig vorerst den Profit reinzubringen, den man braucht. Für uns ist das nicht der primäre Fokus, sondern wir wollen, dass unsere Marke wächst und, dass wir unsere Projekte umsetzen. So stellen wir sicher, dass wir eine Marke aufbauen, die sich langfristig etabliert.

Bisher machen wir das ehrenamtlich, d.h. wir haben gezielt den Fokus so ausgewählt, dass wir die Projekte umsetzen können. Ob das in der Zukunft auch so ist oder nicht, wird sich zeigen.

 

ZRN: Was sind für Euch die größten Erfolge, die ihr seit der Gründung verzeichnen könnt?

Ahmed Amarouch: Im Bewusstsein der Menschen zu sein – als Wassermarke. Dass wir auch Firmen und Vereine haben, die bei uns anklopfen, die entweder die Projekte unterstützen oder die gewisse Events sponsern. Unser größter Erfolg ist außerdem, dass wir bei unseren Wasserprojekten Real Time Monitoring einsetzen. Für unser letztes Projekt, dass wir zusammen mit Fundifix und Wasserexperten der Oxford Universität, unter anderem Dr. Prof. Rob Hope, Direktor des Wasserprogrammes, umgesetzt haben, wird Unicef die Daten und Learnings, die wir durch Real Time Monitoring einsammeln, für eine Studie auswerten. Das sind natürlich tolle News für uns, da wir hier ein Wegbereiter für neue Konzepte sind. und große Organisationen wie Unicef an unseren Projekten interessiert sind.

Meiner Meinung nach können wir mit dieser Technologie langfristig die Wasserkrise bewältigen, indem wir dezentralisierte Wassersysteme einsetzen, die miteinander kommunizieren. Rein theoretisch wenden wir das Versicherungsprinzip auf Wasseranlagen an. Eines der größten Erfolge dabei ist, dass wir die Reparaturen, die in der Regel 30 Tage dauern, auf zwei bis drei Tage reduzieren können. Und so sicherstellen können, dass die Menschen vor Ort nicht mehr auf verschmutztes Wasser, dass zu Krankheiten und sogar zum Tod führen kann, zurückgreifen müssen, wenn die Wasseranlagen nicht funktionieren.

 

ZRN: Was würdest Du anderen Start-Ups als Rat mitgeben?

Ahmed Amarouch: Einer meiner Tipps ist, weniger am Business Plan, also weniger in der Theorie zu arbeiten als in der Praxis. Wenn man eine Idee hat, statt sie nur theoretisch zu evaluieren, sollte man den Kunden oder mögliche Kunden selber testen und entscheiden lassen. Feedback sammeln, kleinere Projekte starten und den Kunden in den Mittelpunkt aller Entscheidungen setzen. – Stichwort: Consumer Centric. Word of mouth (also Empfehlungen von Familie und Freunden) ist 20x effektiver als jede Werbung. Und es geht in beide Richtungen – wenn Kunden schlechte Erfahrungen oder gute Erfahrungen haben. Ein weiterer Rat ist auch, dass man mit seinen Kunden kommuniziert, um festzustellen, wie man das eigene Produkt oder den Service verbessern kann. Und wenn man das dann umsetzt, kann man sehr viel erreichen.

 

ZRN: Hättest Du mit Deinem heutigen Wissen etwas anders gemacht?

Ahmed Amarouch: Nein, denn jede Sache, die man im Leben macht, auch wenn es ein großer Fehler ist, ist etwas was man mitnehmen kann. Natürlich sollte man so etwas nicht allzu oft machen. Man sollte aus den Fehlern so gut wie möglich lernen. Ich glaube man hat den Luxus als Start Up, diese Fehler zu machen, aber man nimmt dann auch die Erfahrungen mit, um das Konzept zu verbessern, das Produkt zu verbessern, und die Richtung des Start-Ups zu verbessern. Niemand wird die Antwort haben, man muss es ausprobiert und getestet haben.

 

Weiterführende Links:

https://sharewater.de/

 

Name: Sharewater

Gründer: Ahmed Amarouch und Hafid Amarouch

Gründung: 2013 als Community, 2016 als Unternehmen

Ziel: Menschen in Entwicklungsländern den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern. Durch Erlöse aus Sharewater-Trinkboxen werden Wasserprojekte finanziert und umgesetzt.

Produkt: Reines Quellwasser aus einer ökologisch vorteilhaften Verpackung; mit jeder Sharewater-Trinkbox, unterstützt man Wasserprojekte

 

Autorin: Jenin Elen Abbas

By |Sonntag, 14 Oktober, 2018|News|0 Comments

Zahnräder fragt: Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Aktivistin Asmaa El Maaroufi (www.greenukum.de) über Religion, Umweltschutz und Tierethik und die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung

ZRN: Liebe Asmaa, Du promovierst zum Thema Islam und Tierethik? Was hat Dich dazu bewogen, dieses Thema aufzugreifen?

Asmaa: Durch mein Philosophie- und Theologiestudium hatte ich bereits früh großes Interesse an der Ethik. Die Frage nach dem „richtigen Handeln“ aus einem muslimischen Selbstverständnis heraus war daher von großer Bedeutung für mich. Durch mein Interesse am Umwelt- und Tierschutz musste ich jedoch feststellen, dass die zeitgenössische Islamische Theologie noch viele Fragen zu Umwelt und Tieren unbeantwortet ließ: Wie ist in Zeiten von zunehmender Umweltverschmutzung, Artensterben und Klimakatastrophen aus einer islamisch-theologischen Perspektive mit der Umwelt umzugehen? Wie in Zeiten von Massentierhaltung mit dem Tier? Dies sind Fragen, auf die ich keine klaren Antworten fand, weshalb ich mich entschied, mich selbst dieser Themen anzunehmen.

ZRN: Was sagt denn der Islam zum Umgang mit der Umwelt und Schöpfung?

Asmaa: Ein fertiges „Umweltschutzkonzept“ lässt sich im Koran so natürlich nicht finden. Was der Islam jedoch aufbringt, sind zahlreiche ethische Implikationen, die uns den Stellenwert der Schöpfung bzw. der Mitwelt vor Augen führen und uns hierdurch zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit sensibilisieren können. Selbst das Grundbekenntnis des Muslims bzw. der Muslima, dem Eingottglaube (Tauhid), impliziert, dass ich an den einen Gott glaube, der die eine Schöpfung erschaffen hat. Aus dem Glauben heraus leitet sich auch der Gedanke, dass diese eine Schöpfung Gottes im natürlichen Gleichgewicht (mizan) erschaffen wurde, die ich – als halifa, sprich „Sachwalter“ auf Erden –zu wahren habe. Tue ich das nicht, prophezeit der Koran Ungerechtigkeit und „Unheil auf Erden“. Gerechtigkeit meint hier, dieses Gleichgewicht zu halten, in dem ich den Weg der Mitte gehe, folglich weder über- noch untertreibe. Das lässt sich dann bspw. auch auf Konsum etc. anwenden. So wird plötzlich ersichtlich: Die Bewahrung der Schöpfung und nachhaltiges Handeln sind also nicht nur einfache, einzelne Aufträge an mich als Sachwalter, sie sind viel mehr. Denn dieser Auftrag sollte bereits in meinem grundlegenden Selbstverständis als Muslima, Frieden mit mir, meinem Schöpfer und meiner Mitwelt zu erlangen, beinhaltet sein.

ZRN: Du bist zudem Mitglied im Arbeitskreis „Religionen für biologische Vielfalt“. Worum geht es da genau?

Asmaa: Der Arbeitskreis „Religionen für biologische Vielfalt“ ist ein vom Bundesamt für Naturschutz initiiertes Projektes, welches vor allem durch die Teilnahme von mehr als acht Religionsgruppen als auch diversen Naturschutzinstitutionen heraussticht. Dieses Projekt hat zum Ziel, den Beitrag von Religionen im Naturschutz zu untersuchen und hierzu Netzwerke aus Umweltschutz, öffentlichen Einrichtungen und Wirtschaft zu etablieren.

ZRN: Warum gibt es gerade jetzt ein verstärktes Interesse an dem Verhältnis von Religion und Natur?

Asmaa: Nun ja, die zunehmende weltweite Wasserknappheit, Verschmutzung der Weltmeere und andere verheerende klimatische Ereignisse führt dazu, dass man bemüht ist, gemeinsam an diesem Problem zu arbeiten. Hier ist zu sagen, dass viele Jahre das Potential der Religionen nicht erkannt wurde. Doch seit einigen Jahren erkennt man den Einfluss der Religionen, die eben bis heute noch eine große Rolle für Menschen darstellen und demnach dabei behilflich sind, Werte zu generieren und gar ganze Moralvorstellungen zu beeinflussen. Deshalb setzt man sich immer stärker mithilfe von Religionen für Umweltschutz und umweltsensibilisierte Maßnahmen ein. So hat selbst die GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) in Marokko, Jordanien, Tunesien und weiteren Ländern begonnen, mittels Religionen Menschen für Umweltschutz zu sensibilisieren. Und auch in Deutschland finden wir die ersten „fairen Moscheen“ (wie in Dortmund) und kommunale Netzwerke (angetrieben vom Projekt „Faire Moschee“) hierzu, die regelmäßige „grüne Predigten“ halten und hierdurch tausende Muslime wöchentlich erreichen. Der Beitrag von Religionen für den Umweltschutz scheint also ersichtlich!

ZRN: Wie hängt deine wissenschaftliche und fachliche Tätigkeit mit dem von Dir und Deinem Mann betriebenen Blog “Greenukum” zusammen?

Asmaa: Bereits sehr früh begann ich mich, politisch und privat aktiv zu engagieren. Auch nachdem ich meine wissenschaftliche Tätigkeit im Bereich der Islamischen Philosophie und Ethik begann, schien es für mich klar, mich weiterhin engagieren zu wollen. Ich wollte nie ausschließlich auf akademischer Ebene sprechen; denn Wissenschaft zu betreiben bedeutet für mich, eine große Verantwortung zu tragen, insofern ich das, was ich erforsche, auch für die Allgemeinheit zugänglich machen muss; unabhängig der wissenschaftlichen Formate, auf die man sich sonst als Forscherin bewegt. Sonst profitiert doch letztlich nur eine Minderheit von unserer Arbeit als Wissenschaftler.

ZRN: Warum habt ihr Euch entschieden, den Blog aus islamischer Sicht zu gestalten?

Asmaa: Nun ja, eigentlich fiel die Entscheidung gar nicht mal so bewusst. Unser Ziel ist es eigentlich nur aufzuzeigen, dass ein nachhaltiges, „grünes“ Leben nicht nur möglich ist, sondern vor allem auch einfacher und interessanter ist als viele annehmen. Indem wir insbesondere von einfachen Alltagserfahrungen (Einkauf, Mobilität, Arbeit etc.) berichten und aufzeigen, wie man mit einfachen Möglichkeiten alte Gewohnheiten überdenken kann, möchten wir für umweltethisches Handeln im Alltag sensibilisieren und dabei die Wichtigkeit einzelner Themen aufzeigen. Selbstverständlich können jedoch – wie bereits geäußert – Religionen dabei behilflich sein, ein Motivationsfaktor zu sein und Werte zu generieren. Das wollten wir uns daher ebenfalls zu Nutze machen und betonen daher auch gerne unsere islamische Perspektive auf das Thema! Doch war es uns immer wichtig, nicht einzig als „muslimische BloggerInnen“ wahrgenommen zu werden, sondern eben auch als Asmaa und Max Musa, die bemüht sind, ihren Beitrag für eine gelungene, gerechte, gemeinsam geteilte Welt zu erbringen! So sollte aufgezeigt werden: Umweltschutz geht uns alle etwas an, über alle vermeintlichen Grenzen hinweg.

 ZRN: Warum meinst Du, haben so viele Menschen Probleme damit, Ihre alten Gewohnheiten abzulegen und umweltethisch zu handeln?

Asmaa: Das hat sicherlich mehrfache Gründe. Nicht nur ist es generell schwierig, Gewohnheiten abzulegen, und sich aus der Komfortzone herauszubewegen. Vielmehr beginnt ja alles  bekanntlich mit der Sensibilisierung. Bin ich überhaupt für das Thema „Umwelt“ sensibilisiert? Weiß ich, was ich mit meinem Konsum bezwecken kann? Welche Spuren ich hierdurch auf der Erde hinterlasse? Zum anderen ist das Thema „Umweltschutz“ und Nachhaltigkeit auch ein Thema, dass mittlerweile für Verwirrungen sorgt: Einerseits, weil die Transparenz noch nicht gänzlich gegeben ist. Das beginnt bereits beim Einkaufen: Worauf sollte ich achten? Welche Siegel garantieren mir, dass mein Produkt nachhaltig ist u.s.w. Zum anderen bleibt da stets die große Frage: Was soll ich schon mit dem Ändern meines Konsums bezwecken können?

ZRN: Kannst Du mir ein Beispiel dafür nennen, wie man seine alten Gewohnheiten ändern und sich dafür umweltbewusster verhalten kann?

Asmaa: Um alte Gewohnheiten ändern zu können, muss man erst einmal herausfinden, welche Gewohnheiten überhaupt zu ändern sind. Dafür muss ich mich erst einmal selbstkritisch reflektieren und überlegen, welche Gewohnheiten problematisch sind. Z. B. ständig und überall zu konsumieren. Da muss ich mir die Frage stellen, warum tue ich das und wie kann ich das reduzieren. Die Problematik hierbei ist, es gibt nicht das eine Beispiel dafür, wie man seine alten Gewohnheiten ändern kann. Denn das ist von Typ zu Typ anders. Ich kann für mich z. B. sagen, das es von Anfang an klar war, dass ich mein Fleischkonsum reduzieren muss, bis hin, es zu beenden. Denn ich habe viel zu viel davon gegessen. Bei anderen ist es vielleicht so, es fällt ihnen nicht schwer, ihren Fleischkonsum zu kontrollieren, weil sie es eh nicht mögen. Dabei haben sie z.B. die Gewohnheit für die Fahrt von Frankfurt nach München immer wieder den Flieger zu nehmen, statt mit dem Zug zu fahren. Deswegen ist es etwas, was individuell ist, etwas, was man für sich überlegen muss. Aber eben, wenn die Frage allgemein ist, wie man allgemein seine alten Gewohnheiten ändern kann, ohne es an einem Beispiel zu konkretisieren, dann ist es so wie vorher beschrieben. Das man als erstes sein Verhalten kritisch betrachtet, sei es bei Konsum. Das ich sage, wo konsumiere ich zu viel oder unnötig. Das können Kleinigkeiten sein, wie z.B. die Plastiktüte im Supermarkt. Das ich aus Faulheit nicht die eigene Tasche mitbringe. Das können aber eben auch größere Sachen sein, in dem ich z. B. sage, ich minimiere meinen Haushalt. Das ich z.B. statt der fünf Kleidungsstücke im Monat versuche, sie auf zwei bis drei zu reduzieren. Dabei lerne ich nicht nur, mit mir selbstkritischer zu werden, sondern auch eine Art Selbstkontrolle, die im Alltag wichtig ist. Es geht also im Allgemeinen darum, nicht verschwendersich zu sein. Ich kann auch mit meiner Zeit verschwenderisch sein, doch dass ist etwas, was Gott auch nicht will. All diese Begriffe, die wir jetzt immer hören: Minimalismus, Achtsamkeit usw. Dies sind alles Dinge, die man sehr sehr gut auf den islamischen Kontext zurückführen kann. Der Prophet Mohammed (pbuh) war ein Meister des Minimalismus, er hat nicht gehortet.

ZRN: Wie würdest Du die Resonanz auf Euer Projekt einschätzen?

Asmaa: Bisher überraschend gut! Und das, obwohl unser Blog in die Komfortzone eingreift, da er manchmal unbequeme Dinge ausspricht. Diese positive Resonanz motiviert jedenfalls, trotz des hektischen Alltags weiter zu machen!

ZRN: Was unterscheidet Euren Blog Greenukum von den anderen Online-Portalen?

Asmaa: Unser Alleinstellungsmerkmal ist vor allem die Kombination zwischen mir, der Wissenschaftlerin, und meinem Mann, der eher praktisch orientiert ist. Er hat Jahre lang bei Alnatura gearbeitet, d.h. wir sind wie eine Symbiose. Wir sprechen also nicht nur aus einem purem Aktivismus heraus, sondern versuchen auch alles wissenschaftlich runterzubrechen und gleichzeitig, diesen praktischen Zugang näher zu bringen.

Darüber hinaus geht es auch darum, dass man Stimmen, die sonst nicht so sichtbar sind – in diesem Kontext eine muslimische Frau -, hörbar zu machen. Gerade bei Umweltschutz sprechen immer die „typisch sichtbaren“ Menschen, und weniger die, die sichtbar sind, die vielen Frauen, auch Männer, aber vor allem Frauen, die people of colour sind, die Kopftuch tragen usw. Die möchten wir sichtbar machen, und zeigen, dass das Thema etwas ist, was mich angeht und wo ich mich auch einsetze. Auch aus einem muslimischen Selbstverständnis heraus.

ZRN: Du hast auf mehreren Ebenen mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG 2030) zu tun. Kannst Du beschreiben, welche diese sind?

Asmaa: Aktuell arbeite ich in diversen nationalen und internationalen Gremien, in denen es darum geht, zu überlegen, wie man die jeweiligen Ziele für nachhaltige Entwicklung vorantreiben kann. Sei es durch das Bund geförderte Projekte für Kinder- und Jugendliche, in denen diese für Themen wie „Ressourcen und Schöpfung“ sensibilisiert werden, oder die Planung von im Ausland stattfindenden Konferenzen, die verschiedene WissenschaftlerInnen und AktuerInnen zusammenbringen, um gemeinsam zu überlegen, wie man diese Ziele auf nationaler Ebene umsetzen kann. Insbesondere in Anbetracht der diesjährigen UN-Weltklimakonferenz in Ägypten ist zurzeit einiges zu tun.

ZRN: Was versteht man unter den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung?

Asmaa: Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung sind politische Zielsetzungen aller UN-Mitgliedsstaaten, die zum Ziel haben, die Zukunft des Planeten nachhaltiger zu gestalten. Dabei soll die nachhaltige Entwicklung sowohl auf wirtschaftlicher, sozialer als auch ökologischer Ebene Berücksichtigung finden. Ziel ist vor allem nachhaltig gegen Armut anzukämpfen. Diese 17 Nachhaltigkeitsziele werden in insgesamt 169 Unterzielen erläutert, so dass daraus ersichtlich wird, worum es eigentlich überhaupt geht und was bis wann getan werden muss. Dabei geht es unter anderem darum, bis 2030 extreme Armut zu beseitigen, sauberes Wasser für alle Menschen zugänglich zu machen, Geschlechter- und Bildungsgerechtigkeit voranzutreiben, Maßnahmen für den Klimaschutz zu fördern, Frieden und Gerechtigkeit zu etablieren.

Wichtig ist hier zu erwähnen, dass man die einzelnen Ziele nicht voneinander trennen kann und soll! Genau das wollen die 17 Nachhaltigkeitsziele nicht. Vielmehr verdeutlichen sie, wie alle Ziele miteinander verflochten sind und miteinander zusammenhängen. Z. B. hängt Massenkonsum häufig mit menschenunwürdiger Arbeit zusammen, die einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum entgegensteht. Hierdurch entsteht wiederum Armut, Hunger als auch Bildungsungerechtigkeit und fehlende Gesundheitsmaßnahmen, wodurch es wiederum zu fehlendem Frieden in bestimmten Regionen der Welt kommt. All diese Aspekte sind Dinge, die durch die Nachhaltigkeitsziele beseitigt werden sollen. Somit reicht es daher nicht aus, nur eines bekämpfen zu wollen. Vielmehr muss man die gesamten Ziele viel ganzheitlicher betrachten! So können wir uns für eine gerechte, friedvolle Welt einsetzen.

 ZRN: Wie kann man das Thema Nachhaltigkeit in der islamischen Community besser positionieren und mehr Menschen für das Thema sensibilisieren?

Asmaa: Indem wir das Thema „Gerechtigkeit“ wieder stärker auf den Plan rufen! Also, das ich sage, dass wir als muslimische Community viel stärker werden müssen, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Ob es nun soziale Strukturen sind oder ökologische Begebenheiten. Denn der Auftrag des Muslims bedeutet eigentlich immer, gerecht und nachhaltig zu handeln. Nachhaltig nicht nur im Sinne des ökologischen. Das ist ja auch das, was mit den 17 Zielen gemeint ist. Also, nicht nur nachhaltig in Bezug auf z. B. Wasser, sondern wenn es z. B. auch um Bildung geht und das Miteinander. Da gehört auch Nachhaltigkeit dazu. Und das wir dieses Selbstverständnis als Teil unseres Muslimseins begreifen. Das ist das, was passieren muss. Dies bedeutet, dass es nicht darum geht, dass wir alle grüne Muslime werden, sondern, dass wir verstehen, dass Muslim sein, vor allem bedeutet, gerecht zu sein. Und dabei nicht nur gerecht mit mir selbst sein oder gerecht mit anderen Menschen, sondern in Bezug auf alles, was Gott erschaffen hat. Und wenn ich diesen Weg gehe, nicht übertreibe und nicht untertreibe, kann ich behilflich sein, Ungerechtigkeit zu vermeiden. Wir müssen lauter werden. Das beobachte ich häufig. Wenn es um Ungerechtigkeit gegen uns selbst geht, dann schreien wir auf, aber wenn es Minderheiten betrifft oder dergleichen, dann kommt oft das Schweigen. Wenn wir auf den Propheten schauen (pbuh), dann war er immer derjenige, der gegen Ungerechtigkeit aufgestanden ist. Und das, glaube ich, ist in Vergessenheit getreten.

Über Asmaa El-Maaroufi:

Asmaa El-Maaroufi ist 29 Jahre alt und in Darmstadt geboren. Neben Ihrer Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WWU Münster und ihrer Promotion zu Islam und Tierethik engagiert sie sich für Umwelt- und Artenschutz. Zu Ihrem Engagement gehört die Mitgliedschaft im Arbeitskreis „Religionen für biologische Vielfalt“ und im Netzwerk „Minding Animals Germany“. Darüber hinaus betreibt sie den Umweltblog greenukum.com und ist Mitglied des muslimischen Umweltvereins „Hima e.V.“. El-Maaroufi begann bereits sich mit 14 Jahren politisch zu engagieren. Mit dem Studium der Philosophie und Theologie wurde bei ihr insbesondere das Interesse an umweltethischen Fragen geweckt, da sich dabei die Frage nach der Rolle des Menschen im Kosmos und seine Verantwortung für sie neu stellten. Mit den Zahnrädern verbindet El-Maaroufi bereichernde Bekanntschaften, aus denen tolle Freundschaften entstanden sind. Zudem sieht sie das gemeinsame Ziel, sich mithilfe innovativer, interdisziplinärer und professioneller Zugänge zu diversen Themen, Wege zu erarbeiten und sie für die Gesellschaft nutzbar zu machen. 

 Mehr zum Thema: 

https://greenukum.com

http://www.schoepfung-erfahren.de/

http://www.fairemoschee.de/

https://www.giz.de/fachexpertise/html/19043.html

Autorin: Jenin Elen Abbas

 

By |Samstag, 8 September, 2018|News|0 Comments

Zahnräder fragt: Clean Energy oder doch alles nur Greenwashing? NourEnergy über Energiewirtschaft, Umweltschutz und Ressourcenschonung

Das Thema Energie ist seit vielen Jahren omnipräsent in Medien und Diskussionen. Energiewende, Energiesparlampen, Ressourcenschonung – diese Buzzwörter schwirren täglich um uns herum. Möchte man sich näher im Internet zu einem der Punkte informieren, ist man einer großen Informationsflut ausgesetzt. Seit 2010 engagiert sich ein junges Team aus muslimischen Akademiker und Studenten dem Gemeinwohl dienende Einrichtungen hinsichtlich Ressourcenschonung zu beraten und zu unterstützen. Wir haben uns mit NourEnergy getroffen und ihnen zum Thema Energie und Nachhaltigkeit auf den Zahn gefühlt. 

ZRN: Zahnräder und NourEnergy gehen einen weiten Weg zurück. Im Jahre 2013 habt ihr mit eurem Projekt bei einer Zahnräder Konferenz den zweiten Platz gewonnen. Wie ist es euch in den letzten fünf Jahren ergangen? Wir konnten viele eurer Erfolge mitverfolgen, aber auch Rückschläge.

Tanju: In den letzten acht Jahren unseres Vereins haben wir wichtige Fortschritte gemacht. Wir haben wertvolle Kontakte geknüpft, nationale und internationale Projekte umgesetzt, haben neue Mitglieder gewonnen und sind stetig gewachsen. Aber auch Rückschläge gab es. Konkret wurde uns ein Gewinn aberkannt, aus wenig nachvollziehbaren Gründen. Jedoch konnten wir auch hier auf die Unterstützung der Zahnräder zählen und danken euch nochmals dafür. Dank der Aktion haben wie die doppelte Summe des ursprünglichen Preisgeldes erhalten.

ZRN: Ihr wart bereits in der Umsetzung einiger Projekte involviert – welche Bereitschaft wird euch am Anfang der Projekte entgegengebracht? Wie viel Aufklärungsarbeit müsst ihr leisten?

Tanju: Die Bereitschaft wächst deutlich. Vor acht Jahren war es noch nicht der Fall. Wir haben die Sensibilisierung des Themas vorangetrieben. Vor allem in der Anfangsphase musste hier viel Arbeit geleistet werden. Wir haben eine Art Vorreiterrolle auf dem Gebiet eingenommen – auch regional. So sind wir rund um Darmstadt gewachsen und haben die Region in eine wichtige Position beim Thema Energie und Umweltschutz gebracht. Allgemein ist das Vertrauen in unsere Expertise und in unser besonderes  Vereinskonzept, erfreulich gewachsen.

ZRN: Bereits seit 2010 engagiert ihr euch ehrenamtlich im Kern für die Sensibilisierung der Gesellschaft für Umweltschutz und Ressourcenschonung. Woher kommt das Gefühl der Verantwortung über dieses Thema zu informieren?

Tanju: In unserem Team ist es eine Mischung aus religiösem Antrieb und dem Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft. Jeder hat natürlich eine individuelle Inspiration. Ich denke jedoch, dass gerade diese Mischung uns ausmacht. NourEnergy ist aus meinem persönlichen Engagement, Energiewirtschaft effizienter zu gestalten, herausgewachsen. Damals glaubte ich noch es rein technisch lösen zu können. Jedoch wurde schnell klar, dass Energie und Nachhaltigkeit auch eine wichtige emotionale Komponente hat. Eine emotionale Verbundenheit zur Natur ist nachwievor ein wichtiger Antrieb für unser Engagement und unsere Arbeit.

ZRN: Wieso wurde es das Thema Energie?

Tanju: Mein Ausbildungshintergrund als Energietechniker und des Teams hat hier eine entscheidende Rolle gespielt. Man hat sich bereits intensiv mit dem Thema Energie auseinandergesetzt und hat eine Lücke gesehen wie man diese Expertise einsetzen konnte.

ZRN: Umwelt liegt nicht im Fokus der Politik vieler religiöser Gemeinden, vor allem Großer. Gerät dieses Thema zu schnell in den Hintergrund?

Tanju: Ja, Umwelt scheint nach wie vor ein Randthema zu sein. Das ist jedoch nicht nur bei muslimischen Gemeinden der Fall. Wir freuen uns über einen deutlichen Wandel, der gerade in der jüngeren Generation sichtbar wird. Man setzt sich mehr mit dem Thema auseinander und es sind bereits viele vorbildliche Initiativen entstanden.

ZRN: Welches Interesse bringt euch die muslimischen Community gegenüber? Gibt es da Dialogbereitschaft?

Tanju: Das Interesse und die Wertschätzung in der Community sind spürbar. Wir haben bereits viele interessante Dialoge geführt, auch interreligiöse. Wir möchten etwas in der Gesellschaft verändern und uns nicht nur auf eine Community beschränken. Und die Menschen fragen uns aktiv um Rat und Ideen, wenn sie bei ihren Projekten nicht weiter kommen. Mit vereinten Kräften können wir deutlich mehr bewegen. Durch unsere Aufklärungsarbeit, unser Engagement und vielfältige Veranstaltungen konnten wir eine Veränderung in Gang bringen.

ZRN: Werdet ihr auch in Moscheen eingeladen, um Vorträge vor Jugendlichen zu halten?

Tanju: Wir halten auch Vorträge vor Jugendlichen. Als nachfolgende Generation sind sie ein Grundstein und es ist wichtig sie bereits in jungen Jahren zu gewinnen und auf das Thema aufmerksam zu machen. Daher liegt es uns am Herzen ihnen etwas mit auf den Lebensweg zu gehen und ihre Leidenschaft für das Thema Energie zu wecken.

ZRN: Wie können wir uns selber effektiv zu diesem Thema informieren und diplomatisch es auch in unseren Gemeinden ins Gespräch bringen?

Tanju: Entscheidend ist die Bereitschaft der Gemeinde von Innen – eine Eigenmotivation und Interesse. Eine ansprechende Gestaltung kann hierzu viel beitragen. Der übliche Weg der Suche nach Information führt ja schnell ins Internet. Durch das unübersichtliche Angebot kann man jedoch schnell in eine Sackgasse geraten. Hier lohnt es sich auf Organisationen, die auf das Thema spezialisiert sind, zuzugehen und ihre Expertise zu nutzen. Das Thema positioniert man am besten mit der Hilfe von Veranstaltungen. Wer diese vielleicht nicht selbst auf die Beine stellen kann, sollte zu anderen gehen und dort Kontakte knüpfen. Mit Hilfe eines Netzwerkes ist es viel einfacher schwere Themen zu positionieren und die Chance besteht, dass man Unterstützung bei einer eigenen Aktion bekommt.

ZRN: Ein kurzer Blick auf euren Terminkalender und euren Veranstaltungshinweisen genügt, um zu erkennen, dass ihr sehr um Dialoge bemüht seid – auch mit anderen Gemeinden, um eine Verbesserung für die gesamte Gesellschaft zu erzielen. Zu welchen Erkenntnissen kommt ihr am Ende der Dialoge mit anderen Gemeinden und Vertretern unterschiedlicher Glaubensrichtungen? Sind wir im Kern alle gleich und sollten bemüht sein gemeinschaftlich an einer bestmöglichen Lösung zu arbeiten? Wird immer noch zu viel diskutiert und zu wenig gemacht?

Tanju: Dialog ist ein wesentliches Standbein unserer Arbeit. Durch Dialoge bauen wir Vertrauen auf, bemühen uns um Verständnis und Anerkennung. Natur und Umwelt ist ein Thema, das uns alle angeht und dieser Verantwortung sollte darf sich eigentlich niemand entziehen. Diese Motivation, unsere Zukunft nachhaltig zu gestalten und unserer Gesellschaft damit einen gesunden Umgang mit der Natur zu ermöglichen, verbindet uns über Religionen und Gemeinden hinweg. Wir erkennen einen positiven Trend der “Anpack-Mentalität”. Natürlich wird noch viel diskutiert und es wird nicht immer alles umgesetzt. Aber Dialoge sind ein guter Antrieb für weitere Handlungen. Mit der Entstehung unseres Vereins haben wir eine Vorreiterrolle zum Thema Nachhaltigkeit in interreligiösen Dialogen eingenommen. Der Zuspruch ist groß. In und um Darmstadt wurde das Thema erfolgreich positioniert und eine hohe Sensibilisierung erreicht. Wir hoffen weiterhin unsere Arbeit fortzuführen, um andere Regionen zu einem ähnlichen Standpunkt zu verhelfen.

ZRN: Eure Meinung zum Nachhaltigkeitsprogramm der Regierung? Geht die Energiewende zu langsam voran?

Tanju: Deutschland ist eine führende Wirtschaftsnation und ist führend in Forschung, in die viele Investitionen fließen. Der Spagat zwischen Wirtschaft und Umweltschutz ist kein leichter. Die Verantwortlichen sind auf einem guten Weg, aber es reicht bei Weitem nicht. Der globale Einfluss ist entscheidend. Es bringt nichts als allein stehende Nation zu handeln, wenn andere es nicht tun. Wir sind alle verantwortlich für unseren Planeten. Hier wünsche ich mir mehr internationale Arbeit, um das Thema weltweit voranzutreiben.

ZRN: Habt ihr für uns ein paar Tipps und Tricks wie wir im eigenen Haushalt besser mit Energieressourcen wirtschaften können?

Tanju: Es gibt viele Wege, auf denen man besser mit Energie wirtschaften kann. Sei es den Fernseher auszuschalten, durch Stoßlüften Heizkosten zu reduzieren oder beim Kochen den Topfdeckel einzusetzen. Die Möglichkeiten sind vielfältig und ein positiver Effekt kann durch kleine Veränderungen im Alltag bewirkt werden. Zum anderen sind Photovoltaikanlagen nach wie vor finanziell lohnend. Hierbei stehen wir gerne beratend zur Seite, für alle Interessenten. In persönlichen Gesprächen erklären wir gern, wie jeder effizient Energie und Strom sparen kann.

ZRN: Viele Stromanbieter locken mit einem “grünen” Strom. Neben Anbieter, die einen angeblichen rein grünen Strom anbieten, haben auch die größeren Unternehmen den Trend erkannt und bieten neue Optionen an. Lohnt es sich hierbei auf grünen Strom um zu steigen? Wie kritisch muss man die tatsächliche Quelle des Stroms hinterfragen?

Tanju: Grundsätzlich sollte man bei Entscheidungen immer kritisch hinterfragen. Viele Anbieter betreiben ein “greenwashing” ihrer Produkte. Zertifikate und Siegel helfen einem hierbei weiter. Wir stehen jedoch auch hier beratend zur Seite und informieren über alle wichtigen Aspekte und weisen aus auf welche Punkte besonders geachtet werden sollte.

ZRN: Ihr habt zum diesjährigen Ramadan eine interessante Aktion gestartet. Wie gehen die Themen Plastikmüll und Energie zusammen?

Tanju: Unser Ramadan Plastikfasten (#RamadanPlastikfasten) hat großen Zuspruch bekommen! Die Kampagne entstand aus unserem Engagement als Umweltschutzverein heraus, um Emissionen zu verringern. Müllwirtschaft und Energie gehen eng zusammen. Eine Veränderung auf Energieträger zu fokussieren wird nicht viel bringen, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern. Mit der Kampagne möchten wir sensibilisieren und Inspirationen geben. Wir freuen uns sehr über den hohen Zuspruch und die vielen kreativen Umsetzungen.

ZRN: Vielen Dank für das spannende Gespräch! Wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

Über den Interviewten:

Tanju Doganay ist 31 Jahre alt und diplomierter Wirtschaftsingenieur. Neben seinem Engagement bei NourEnergy ist er in der Beratung für Energieeffizienz tätig. Seine Leidenschaft für das Thema Nachhaltigkeit hat er während seines Studiums mit dem Schwerpunkt Energietechnik entdeckt, denn Nachhaltigkeit spielt auch in der Energiewirtschaft eine entscheidende Rolle. Mit dem Zahnräder Netzwerk verbindet er eine langjährige Freundschaft, auf persönlicher wie auch auf professioneller Ebene. Das gemeinsame Ziel der Allgemeinheit etwas zurückzugeben und in der Gesellschaft etwas zu bewegen ist zu einer inspirierenden Verbindung gewachsen.

Über NourEnergy:

NourEnergy e.V. ist ein ehrenamtlich aktives Team für den Umweltschutz und die Gesellschaft – inspiriert durch den Islam. Das Team besteht derzeit aus muslimischen Akademikern und Studenten. Das Team hat es sich zum Ziel gemacht dem Gemeinwohl dienende Einrichtungen wie z.B. Moscheen, Kirchen, Schulen, Altersheime etc. hinsichtlich des bedeutungsvollen Themas der Ressourcenschonung zu beraten und zu unterstützen. Mehr zu NourEnergy: http://www.nour-energy.com/

Autor des Artikel: Elvira Engel

By |Sonntag, 15 Juli, 2018|News|0 Comments

Zahnräder fragt: Fair Trade, Bio, Zerowaste, Vegan, Halal und Islam? – Ein Gespräch mit Nadina Memagic

Nadina Memagic (27) ist gebürtige Bosnierin, gefühlte Hamburgerin und sesshaft in München. Als ehemaliges Zahnrad widmet sie sich heute beruflich dem Tanz, Gesang, Schauspiel und der Fotografie und gibt Klavierunterricht. Sie kocht vegetarisch, sie wandert, sie mag es minimalistisch -kurz: sie schätzt die Nähe zum Natürlichen. Sie ist nicht nur Träumerin, sondern noch weiter Visionärin. Sie überschreitet im Denken die Grenzen der Realität, denkt Realität neu und setzt für Veränderungen in ihrem eigenen Leben an. So auch im Thema Nachhaltigkeit. Während andere in ihr eine Amelie Poulain sehen, die naiv und hoffnungsvoll die Welt zu einer besseren gestalten möchte, findet sie sich in einer Kreuzung zwischen Phoebe und Monica aus der TV Serie „Friends“ wieder. Phoebe, ein esoterisches Hippiemädchen, schräg und herzlich zugleich. Sie achtet auf ihre Umwelt, und ernährt sich vegetarisch. Monica hingegen ist eine sture Perfektionistin, hat einen verbissenen Putzwahn, der fast schon neurotisch ist. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die etwas zu erzählen hat!

ZRN: Gab es einen Schlüsselmoment, oder ein erschütternder Anlass, der dich zum zerowaste Lifestyle bewogen hat?

Nadina: Ich las einen Artikel über Lauren Singer, eine junge New Yorkerin, deren Plastikmüll von zwei Jahren in ein Schraubglas passte. Damals achtete ich bereits auf meinen Konsum, trennte Müll und sorgte für nachhaltige Verpackung. Und als ich von zerowaste hörte war mir schnell klar: das spiegelt meine Intention wider, so möchte ich leben.

ZRN: Was hat sich in deinem Leben geändert, seitdem du auf zerowaste achtest? Welche Kompromisse musstest du eingehen? Gibt es trotzdem Produkte, bei denen du keinesfalls auf Plastik verzichtest?

Nadina: Ich habe zunächst analysiert, was die größte Masse an Müll ausmacht: Es waren ganz klar Tetra Pak. Wir sind auf Milch in Glasflaschen (Pfand) umgestiegen, und haben Vieles in größeren Mengen unverpackt im Internet bestellt, da größere Mengen weniger Einzelverpackungen haben.

Seitdem der Unverpacktladen in München aufgemacht hat, kaufen wir dort Trockenprodukte ein und den Rest aus der Münchener Bioladenkette VollCorner. Diese ist kein Konzern, sondern wird geleitet von einem Ehepaar, das sich wirklich Gedanken über das Konzept macht, auch kleine Firmen in das Sortiment aufnimmt, also stets dynamisch und innovativ ist. Unser Obst und Gemüse beziehen wir von der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), dem „Kartoffelkombinat“. Das Kartoffelkombinat ist eine genossenschaftlich organisierte Gemeinschaft, die ihr Gemüse, zusammen mit ausgewählten Partnern, selbst anbaut.

Kompromisse, die ich eingehen musste: Anfangs habe ich die Sojamilch selber gemacht, dann wurde es zu anstrengend und ich bin wieder umgestiegen auf Vollmilch im Glas. Schokolade kaufe ich verpackt, achte aber darauf, dass sie nicht doppelt verpackt ist. Auf Klopapier verzichte ich nicht, und bei der Supplementierung mit Nahrungsergänzung kommt man auch nicht um Plastik drumherum. 

Was sich in meinem Leben geändert hat? Um ein paar ganz alltagspraktische Beispiele zu nennen: Flaschenmilch statt Tetra Pak, Hartseife statt Flüssigseife, Jutebeutel statt Plastik, Trinkflasche statt Plastikflaschen, Schraubglas für Tee statt To-Go Einwegbecher, Brotbox für die Überreste im Restaurant statt Wegwerfen, Bambuszahnbürste statt Plastikzahnbürste, Zahnputzpulver aus Xylit und Heilerde statt Tuben, Öle statt Cremes, Menstruationstassen/ Stoffbinden statt Binden/ Tampons, Stoffwindeln statt normale Windeln. Die Kosmetik ist neben der Küche der größte Müllproduzent. Im Allgemeinen sollten wir unsere Beautyroutine minimalisieren, denn der Körper kann sich ganz gut selbst regenerieren. Neben der Umwelttauglichkeit der aufgezählten Ersatzprodukte, wird auch der Geldbeutel stark entlastet.

zerowaste_kitchen-supplies
Zerowaste_Kitchen_Spices
Zerowaste_Kitchen_Spices_Storage
Zerowaste_Bathroom

ZRN: Letztens stand in der ZEIT ganz groß auf der Titelseite: „Die Deutschen verbrauchen mehr Kunststoff als alle anderen Europäer, weil sie glauben, ihr gesamter Müll werde recycelt. Aber da täuschen sie sich.“ Ist das trennen von Plastikmüll nicht ausreichend für eine nachhaltige Lebensweise? Was hat es mit dem Grünen Punkt für recycelbare Waren auf sich?

Nadina: Die Wirtschaft gaukelt ständig eine Kreislaufwirtschaft vor, wobei in Wirklichkeit eher downgecycelt wird, man bekommt also nie wieder einen reinen Rohstoff zurück. Plastik kannst du nicht ewig recyceln, beispielsweise Aluminium hingegen schon etwas länger. Der Grüne Punkt ist eine Abwärtsspirale, bei der am Ende wieder Müll produziert wird. Er steht für die Kreislaufwirtschaft. Das heißt es werden Wertstoffe aus Abfällen gewonnen. Der Produzent gibt seine Verantwortung des produzierten Mülls an den Verbraucher ab, wobei man die Produzenten mit dem Kaufverhalten auf eine grundsätzliche Reduktion des Mülls umstimmen sollte. In Anbetracht der Emissionen ist das Recycling der Verbrennung vorzuziehen, dennoch ist es nicht nachhaltig, wenn man nur in die nächsten 10, 20 Jahre denkt. Wie kann ich den Müll grundsätzlich reduzieren? Das ist eine wegweisendere Frage. Zerowaste Lifestyle wird zu sehr potenziert und schreckt damit ab. Es ist natürlich ein Ideal, jedoch impliziert dieser Lebensstil eine Reduktion des Müll Schritt für Schritt zu weniger. Es gibt definitiv Alternativen und dafür muss der Hersteller daran arbeiten und die Konsumenten fordern. Naturschutz ist keine Einbahnstraße.

Infobox: Was bedeutet der Grüne Punkt?
Der Grüne Punkt ist ein geschütztes Markenzeichen der „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (DSD)“ und steht für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, also die konsequente Nutzung von Wertstoffen aus Abfällen. Mit der permanenten Weiterentwicklung des Recyclings führt der Grüne Punkt immer mehr Wert- und Rohstoffe einer Verwertung und einem neuen Nutzen zu. Das schützt endliche Ressourcen, das Klima und die Umwelt. Ist der Grüne Punkt auf eine Verpackung gedruckt, so zeigt der Hersteller dieser Verpackung damit, dass er die Pflichten der Verpackungsverordnung erfüllt.“ Quelle: https://www.gruener-punkt.de/de/verbraucher/wie-funktioniert.html

ZRN: Gibt es weitere Themenfelder, die für dich unmittelbar mit dem zerowaste Lifestyle zusammenhängen und für die du dich ebenfalls im Laufe der Jahre sensibilisert hast?

Nadina: Wir, meine Familie, sind zunächst einmal komplett auf Bio umgestiegen. Dann kam beim Fleisch die berühmte frage „Bio und Halal- geht das und wo gibts das?“ auf. Anfangs haben wir Biofleisch gekauft, da Bio für mich mehr halal war als das, was mir die halal Label versprechen. Das konnten wir aber auch nicht lange mit unserem Gewissen und unserem Portemonnaie vereinbaren. So wurden wir Vegetarier und in dieser Zeit bin ich ebenso peu à peu auf zerowaste umgestiegen. Fair trade, bio, zerowaste, vegan, halal – alles hängt unmittelbar zusammen und die Ganzheitlichkeit ist wichtig. Irritierend fand ich zum Beispiel, dass es Bohnen aus China im Unverpacktladen gab. Das hat mich total zum Nachdenken gebracht: Dann kaufe ich lieber verpackte Bohnen aus Bayern, die regional sind, anstatt die Transportemissionen in Kauf zu nehmen. Was den Vegetarismus betrifft: Die geläufige Tierhaltung ist zum einen das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte und zum anderen sind die Tiere keineswegs zerowaster: Kühe produzieren Methan, das Erderwärmung stark beeinflusst und nehmen große Anbauflächen für Viehfutter ein. Man sollte sich Gedanken über alle Lebensbereiche machen und sein Leben ganzheitlich umstellen. Das kann mit dem Jutebeutel starten und damit weiter gehen, dass man keine Bücher über Amazon bestellt, und stattdessen grüne Projekte, wie FairTrade Label, Grüne Bücher und E-Mailanbieter unterstützt.

ZRN: Im Koran steht „Esset von ihren Früchten, wenn sie Früchte tragen, doch gebet davon am Tage der Ernte (dem Armen) seinen Anteil, seid (dabei aber) nicht verschwenderisch! Wahrlich, Er liebt diejenigen nicht, die nicht maßhalten.“ (6:141) Das muss doch ein unmissverständlicher Aufruf zu saisonalen Produkten und gegen Verschwendung sein! Glaubst du, der Koran birgt grundsätzlich einen Aufruf für Umweltschutz in sich? Schöpfst du deine Motivation zu einem minimalistischen Leben unter anderem auch aus deinem Glauben?

Nadina: Ja! Der Prophet hat immer bei Gelegenheiten, wo alle von einem gemeinsamen Teller aßen das Essen vor sich gegessen und nie hinweggegriffen. Übertragen kann man das darauf, dass wir essen sollten, was in der Region wächst, anstatt dem, was von weitem kommt. Zudem nahm der Prophet nur so viel an Nahrung zu sich, wie es nötig war und übertrieb nicht. Alles, was besteht, wird von Allah angeboten, jeder Stein, jedes Atom, ja alles betet Allah an. Man muss sich Gedanken darüber machen, wie man sich seinen Mitgeschöpfen gegenüber verhält und mit welchem Respekt und welcher Achtsamkeit man auf dieser Erde läuft. Im Quran gibt es Beispiele und Beschreibungen über unsere Welt und Umwelt, und darüber, dass jedes Geschöpf seinen Respekt verdient und seine Daseinsberechtigung hat. Um den Minimalismus im Leben des Propheten zu exemplifizieren: Die Bescheidenheit des Propheten drückte sich in der Handvoll persönlicher Sachen aus, die er besaß. Seine Sachen hatten Namen, die er somit gehegt, gepflegt und wertgeschätzt hat. Das konnte er so behutsam, weil er so wenig hatte. Das ist logisch, mit wenigen Sachen weiß man die einzelnen Dinge mehr zu schätzen, es ist überschaubarer, man hat Zeit und um sie einzeln zu pflegen. Hz. Omar beispielsweise lief in geflickten Sachen herum. Nach einer Überlieferung über den Propheten, besaß er nur zwei Gewände: Einen für den Alltag und einen für Freitage. Der Aufruf, nicht verschwenderisch zu sein, ist ein Aufruf, in Maßen zu leben, den geraden Weg „siraṭ almustaqim“ zu gehen.

ZRN: An Ramadan fällt mir die enorme Plastikverschwendung an gemeinsamen Fastenbrechen in Moscheen besondern auf. Wird das Thema Nachhaltigkeit gesamtgesellschaftlich, aber auch in der muslimisch-deutschen Community ausreichend behandelt? Wie siehst du die Entwicklung?

Nadina: Innerhalb der muslimischen Community gibt es zahlreiche Initiativen, wie Hima (mehr dazu), Nour Energy (mehr dazu); kleinere Initiativen in Moscheen: Grüne Moscheen, wie die mit Photovoltaikanlagen betriebene Mevlana-Moschee in Weinheim und Emirsultan-Moschee in Darmstadt, OpenFair Iftar in Darmstadt und in München, das Buch Öko-Dschihad: Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung von Ursula Kowanda Yassin; das paar Greenukum und auch der Tag der offenen Moschee 2013 stand unter dem Motto „Umweltschutz“. In Deutschland ist Nachhaltigkeit seit Jahrzehnten ein Thema. In Ursprungsländern der muslimischen Einwanderer, wie beispielsweise in Bosnien gibt es andere Probleme, die vor dem Naturschutz standen. Der Input von Konvertiten in Deutschland ist immens, was eigentlich auch ein bisschen traurig ist, weil unsere Religion seit jeher so viel vorgibt, und uns für vieles verpflichtet, was den Umweltschutz anbelangt. Eigentlich müsste die Initiative von muslimischen Ländern entspringen.

ZRN: Du plastikfastest zwar das ganze Jahr über: Was hat es mit dem „Plastik-Fasten“ an Ramadan an sich?

Nadina: An Ramadan faste ich strenger auf Plastik. Ich sammle über ganz Ramadan meinen Plastikverbauch. 

NourEnergy_Plastikfasten

NourEnergy #RamadanPlastikfasten Kampagne

Dies ist eine tolle Initiative von NourEnergy mit einem Schaubild veranschaulicht, was Fasten im übergreifenden Sinn bedeutet und welche grünen Alternativen es gibt. Das Schaubild ist selbsterklärend, die größte Überwindung ist nur, dass man sich trauen muss, sich gegen die gesellschaftliche Mehrheit zu bewegen, so auch in der Moschee und bei gemeinsamen Fastenbrechen. Keine Servietten zu verschwenden, kein Plastikgeschirr zu verwenden, keine Essensreste wegzuwerfen, einen Abend auf Fleisch zu verzichten, sich trauen anders zu sein und einfach vorleben ohne zwangsläufig unangenehm dabei zu werden. Im Folgenden Artikel könnt ihr mehr über meinen #zerowasteiftarchallenge lesen: http://basmamagazine.com/2017/06/16/zero-waste-iftar-challenge/

ZRN: Hast du gute Tipps, wo man sich über eine nachhaltige Lebensweise informieren kann? Wie kann man sich am besten engagieren?

Nadina:  Ich persönlich bin ein Blogfan. Ich empfehle Lauren Singers Blog (http://trashisfortossers.com); Bea Johnsons Blog (https://zerowastehome.com); den Blog (https://www.goingzerowaste.com); einen deutschen Blog (https://wastelandrebel.com/de/) und die Instagrammerin lesswaste_lessworries, die mathematisch ihre Emissionen berechnet. Es gibt viele lokale Foodsharing Möglichkeiten, die ich besonders für Studenten und Bürger mit wenig Budget empfehle. Rettet euren Geldbeutel und vor allem, rettet Lebensmittel, denn Lebensmittel sind so kostbar. 2/3 vom Essen wird weggeworfen. Betreibt Communityarbeit im kleineren Kreise der Familie und Freunde, teilt Sachen untereinander, schaut, was in der Nachbarschaft so läuft, geht in Repaircafes, um kaputte Sachen zu reparieren und denkt mit.

ZRN: Möchtest du den LeserInnen noch etwas mitgeben?

Nadina: Das beste Projekte bei dem man sich engagieren kann: Man selbst ist das größte Projekt. Packt euch am eigenen Ärmel. Einen schönen Ramadan wünsche ich Euch.

Hier lang zu Nadinas Blog: https://www.instagram.com/rumis.mom 

Im Gespräch mit Lisa Schauerbeck, Studentin der Universität Witten/ Herdecke und Mitbegründerin der verpackungsfreien Füllbar in Witten:

Vor knapp zwei Jahren öffnete die Füllbar mit unverpackten Lebensmittel sowie Hygieneprodukte. Die Behälter bringen die Kunden selbst mit. Für Spontankäufe sind im Laden aber auch Gläser, Flaschen, Dosen und Beutel erhältlich. Abgewogen werden die Produkte vor Ort, so dass die Menge je nach Bedarf variiert und keiner zu große Menge kaufen muss, die er eigentlich gar nicht benötigt. Auch Workshops zu abfallreduzierter Babypflege und zerowaste finden hier regelmäßig statt. Auch kooperiert dieser Laden mit der lokalen Foodsharing Initiative und bietet einen Kühlschrank im Laden für gespendete und zu kühlende Lebensmittel aus lokalen Bazaren und Läden. Ermöglichen konnte das komplett ehrenamtlich arbeitende Team die Füllbar durch eine Startfinanzierung vom Stellwerk sowie zahlreiche Spenden. Die ursprüngliche Idee dieser zerowaste Läden kommt von der Gründern des Berliner Originalunverpackt Ladens Milena Glimbovski.

ZRN: Lisa, woher entspringt deine Motivation, dem zerowaste Lifestyle zu folgen?

Lisa: Der Hauptmotivator war zunächst einmal die Neugierde. Dann sah ich Bilder von Tiere, die durch Plastikmüll starben, was mich als Veganerin sehr stark bewegte. Die Frage, die man sich stellen muss ist: Was passiert mit dem entstandenen Müll früher oder später. Entstehen beim Prozess des Recyclings Schadstoffe? Wann kann man etwas nicht mehr recyceln? Landet das alles nicht am Ende im Wasser und in der Erde als Mikroplastik und letztendlich im Körper der Lebewesen? Man sollte stets mit Demut durch die Welt gehen und nicht nur an sich sondern an das große Ganze denken, und bewusst leben. Die Welt ist ein Generationenprojekt. Für die Kinder und Enkel und für die Welt als Organismus, der Leben will, sollten wir uns sensibilisieren für eine bewusste Lebensweise.

ZRN: Wie kann man in diesem Themenfeld aktiv werden?

Lisa: Spricht Läden an, die viel Plastik verschwenden, schreibt Hersteller an, die doppelt verpacken. Es bleibt immer am Verbraucher hängen. Durch das Kaufverhalten hat man die Wahl, Anbieter in Verantwortung zu zeihen.

Weitere Informationen findet ihr hier: https://www.fuellbar-witten.de

Eine Liste mit Unverpacktläden findet ihr hier: https://11ie.de/uebersicht-der-unverpacktlaeden/

Witten_Füllbar_1
Witten_Füllbar_3
Witten_Füllbar_2
Witten_Füllbar_4
Witten_Füllbar_5

Autorin: Betül Mis

By |Dienstag, 12 Juni, 2018|News|0 Comments

Zahnräder fragt: Betüliful über Nachhaltigkeit, Engagement und Social Entrepreneurship

Das Zahnräder Netzwerk hilft nicht nur jungen Social Entrepreneurships beim Start ihres Wirkens, auch unsere aktiven Mitglieder sind sehr engagiert und haben sich soziales Engagement zur Herzenssache gemacht. Doch soziales Engagement hört nicht bei der freiwilligen Arbeit im Netzwerk auf, sie führen neben Studium und Beruf unterschiedliche nachhaltige Unternehmen mit dem Fokus auf soziale Anstöße. Wir haben uns mit unseren Aktiven zusammengesetzt, sie zu ihrem Engagement, Zielen und Hürden ausgefragt und dabei viel gelernt, was unsere persönlichen Helden uns vorleben.

Wenn wir stets Feuer und Flamme für unsere Ziele im Leben einstehen würden, könnten kleine Stufen in ihrer Gesamtheit Vehementes bewirken. – Betül Mis

Social Entrepreneurship ist nicht allein auf den Zuwachs von Kapital orientiert, vielmehr steht das soziale Engagement des Unternehmens im Vordergrund, mit dem sie die Welt ein Stück weit verbessern wollen. Doch auch edle Ziele bergen viele Hürden. Betül Mis erklärt uns wie man kreativ und innovativ seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.

ZRN: Liebe Betül, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast mit uns über deinen Shop betüliful zu sprechen. Seit deinem 11.Lebensjahr stellst du in Handarbeit Accessoires her und vertreibst diese neulich in einem E-Shop. Du arbeitest gerne mit natürlichen Materialien und einer Vielfalt an Farben. Was stellst du genau her?

Betül: Schon als Kind hatte ich großes Interesse an kreativer Arbeit und mit dem fortschreitenden Alter vollzog auch meine Arbeit eine Metamorphose. Ich gestaltete zunächst Schmuck aus Plastikperlen, dann aus Glas und Natursteinen, später widmete ich mich dem Upcycling, also dem Wiederverwerten von alten Materialien wie Papier und Naturmaterialien, dann arbeitete ich mit Draht.

Heute verkaufe ich auf meinem Shop Schmuck aus Gießharz und getrockneten Naturmaterialien, also eine Emmergenz aus allen Techniken, an denen ich mich bisher herantastete. Ich trockne Blumen selbst oder Blumen aus besonderen Anlässen werden eingeschickt, damit sie in Form von Kettenanhängern, Schlüsselanhängern, Ohrringen, Messingrahmen oder Handyhüllen verewigt werden. Den Variationen sind keine Grenzen gesetzt und wachsen stets im Austausch mit Kundenwünschen.

batch_DSC08138

ZRN: Wie wichtig ist dir dabei Nachhaltigkeit? Auf was achtest du bei der Auswahl der Materialien?

Betül: Der maßgebliche Unterschied zwischen Handarbeit und Industrieproduktion bzgl. Nachhaltigkeit ist, dass sie nicht auf dem Prinzip der geplanten Obsoleszenz hergestellt wird. So heißt das Prinzip, das die vorsätzliche Verkürzung der Lebensdauer eines Produktes von Beginn an vorsieht, damit das Produkt schnell verfällt und ein neues gekauft werden muss. Eine Markt-Masche, die die Produktion am Laufen hält und den Menschen zur Wegwerfgesellschaft erzieht. Ich arbeite mit beständigen Materialien, wie Kupfer und Messing und beschichte das Harz mehrfach, um die Nachhaltigkeit des Materials und die Zufriedenheit der Kunden zu gewährleisten. In Handarbeit steckt viel Mühe und Liebe, die man so lange wie möglich konservieren möchte. Zudem verpacke ich grundsätzlich mit recyclebarem oder gar recyceltem Papier/ Karton.

ZRN: Du hast eine sehr kreative Lösung gefunden dich sozial zu engagieren und ein kleines Unternehmen zu führen. Wie bist du darauf gekommen dein Talent zu vermarkten?

Betül: Schon in jungen Jahren verkaufte ich auf Bazaren und Handwerkermärkten, um mir etwas Taschengeld dazuzuverdienen. In meiner Zeit als Stipendiatin bei der START Stiftung kamen wir mit MitstipendiatInnen auf die Idee, Workshops Rund um das Thema Kunst zu organisieren und durch den Verkauf von Stücken, die in diesem Rahmen von Teilnehmenden hergestellt werden, Einnahmen für soziale Einrichtungen zu gewinnen. Es war ein Drang und eine Überzeugung, dass jede/r mit den ihr/ ihm zur Verfügung gestellten Talenten auf eine ganz individuelle Art und Weise zu Veränderungen beitragen kann. Und bei mir war es eben die kreative Komponente, die es weiterzuentwickeln galt.

ZRN: Wie viel Support hat dir dein Umfeld von der Idee bis zur Umsetzung entgegen gebracht? Würdest du sagen, die Menschen in deinem sozialen Umfeld haben dir den letzten Impuls gegeben den Schritt Richtung Unternehmen zu wagen und deine Kreationen zu vermarkten?

Betül: Ja definitiv! Alle großen Wagnisse fangen klein im eigenen Umfeld an und das Umfeld kann Talent und Veranlagung oft besser erkennen und anerkennen als manch einer selbst. Meine Eltern sind seit jeher die tatkräftigsten helfenden Hände, die mir zur Seite stehen. Und besonders unterstützend sind auch Freunde, die Inspirationen sind, bei Verkaufsständen mithalfen und erste Einkäufe tätigten.

ZRN: Mit welchen Zielen bist du an die Sache herangegangen? Konntest du deine persönlichen Ziele erreichen? Welche Kompromisse musstest du dabei eingehen?

Betül: Zunächst war es ein Hobby und ein kreativer Ausgleich zum Schulalltag, dann wurde es zu einem Experimentierfeld für erste unternehmerische Versuche durch eine Existenzgründung mit 16 Jahren, die schon früh scheiterte. Und Anfang 2018 habe ich mit einem ganz neuen Konzept und neuen Materialien, dem Gießharz und getrockneten Blüten, einen unternehmerischen Neuanfang gewagt. Blüten, die ich jahrelang zwischen Tagebüchern konservierte wurden zu ersten Versuchsobjekten. Mein primäres Ziel war die Selbstentfaltung und, dass irgendwann Menschen sich gegenseitig mit betüliful beschenken und Freude bereiten und ich dadurch an Freudemomenten Vieler teilhaben kann. Ich denke, das hat betüliful geschafft.

ZRN: Auf welche Probleme bist du gestoßen; woran musstest du arbeiten?

Betül: Die größte Schwierigkeit war zunächst die Etablierung und Vermarktung. Mit einem simplen Instagramaccount begann ich den Verkauf. Menschen aus meinem Freundeskreis, später aus verschiedenen Communities, in denen ich mich bewegte, haben mich in meinem Vorhaben unterstützt und Werbung gemacht. Auch Menschen, denen ich nie begegnet bin, teilten Schmuckstücke aus meiner Seite auf ihren Accounts. Kunst verbindet wahrlich! Die größte Herausforderung heute ist das Zeitmanagement; neben dem Studium investiere ich mindestens einen gesamten Tag in der Woche für betüliful, ein Nebenjob quasi.

batch_DSC04701

ZRN: Von Januar bis Februar 2018 hast du ein Teil der Einnahme an die Human Relief Foundation (HRF) gespendet. Wie bist du dazu gekommen und warum wurde es gerade diese Organisation?

Betül: Der Auftakt von betüliful kollidierte mit einer Spendensammelaktion einer engagierten Freundin Sennur Bedir. Anlässlich der Flucht der Rohingya aus Myanmar wurde das Geld für die Waisenkinder eingesetzt, denen Unterkunft, Grundversorgung und Bildung gewährleistet wurde. Die Organisation galt als transparent und vertrauenswürdig und hatte ein muslimisches Wertefundament, das den Drang zum Guten aus dem Glauben schöpfte. Ich heiße es sehr willkommen, mich auch an einer Spendenaktion zu beteiligen, die nichtmuslimische Belange fördert.

ZRN: Bestimmte Organisationen auszuwählen birgt auch oft Gefahr Kunden vom Kauf abzuschrecken. Wie bist du dieser Hürde begegnet und wie war die Resonanz, die dir entgegengebracht wurde?

Betül: Ja, das Risiko war mir bewusst. Gerade nichtmuslimischen KundInnen hätte sich möglicherweise nicht mit der Organisation identifizieren können; das hätte abschrecken können. Aber so war es nicht. Die Resonanz war durchwegs positiv und insbesondere nichtmuslimische KundInnn spendeten sogar Überbeträge. Das gemeinsame Ziel der Wohltätigkeit kann jegliche vermeintliche Grenze überbrücken. Der Drang zum Guten hat keine Religion oder Ethnie. Es ist ein allumfassender und gesamtgesellschaftlicher Wert.

batch_DSC07914
batch_DSC08114
batch_DSC08263
batch_DSC07949
batch_DSC08138
DSC08505
IMG_8454

ZRN: Soziales Engagement wird oft als elementare Komponente des Islam bezeichnet. Wie stehst du dazu? Siehst du es als Pflicht als Muslima etwas Gutes in der Gesellschaft zu leisten? Und kommt der Impuls zum sozialen Engagement aus deinem Glauben heraus? Hört für dich das soziale Engagement bei “von Muslimen für Muslime” auf?

Betül: Für mich hat Wohltätigkeit eine grenzüberschreitende Bedeutung, aber auch aus meinem islamischen Glaubensfundament schöpfe ich viel Energie dafür. Soziales Engagement ist ein integrativer und institutionalisierter Bestandteil des islamischen Gesellschaftsmodells. Um ein paar Beispiele zu nennen: Die Bereitschaft des Propheten Abraham (as), seinen Sohn Ismael (as) zu opfern ist nicht nur ein Zeichen seiner Gottergebenheit. Die materielle Opferung des Opfertieres stattdessen ist eine religiöse Pflicht gegenüber Allah (swt) und den Bedürftigen und Nachbarn und sensibilisiert den Gläubigen für die Angelegenheiten der Gesellschaft.

„Und dient Allah und stellt Ihm nichts zur Seite, und erweist den Eltern Wohltaten und ebenso den Verwandten, den Waisen und Armen, den nahestehenden Nachbarn und den fernen Nachbarn, und dem Gefährten an eurer Seite und dem Reisenden und den Unfreien. Wahrlich, Allah liebt nicht die, die überheblich und stolz sind.“ (4:36)

Im Begriff „ferner Nachbar“ seien selbstverständlich auch nichtmuslimische Nachbarn inbegriffen, gegenüber denen wir als deutsche Muslime auch Verantwortung tragen. Der Islam vertritt neben der Einheit Gottes auch die Einheit der Menschen. Als Kinder Adams und Evas sind sind wir also vor Gott gleich, wie können nichtmuslimische MitbürgerInnen in meinem sozialen Bemühen für mich dann nicht gleichgestellt sein? Das wäre eine Anmaßung. Zudem ist die Almosengabe und noch weiter die Sadaqa als dritte Säule des Islam eine unmissverständliche Verpflichtung zum sozialen Engagement. Auch das Leben des Prophet Muhammad (as) weist eine hohe Sensibilität für Natur, Tiere und Mitmenschen auf, das wir uns neben dem Koran als Vorbild nehmen sollten. Beenden möchte ich mit einer signifikanten Überlieferung des Propheten Muhammad (as) zu diesem Thema: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ (Dschâmiu’s Sağîr).

ZRN: Welche Überraschungsmomente hattest du bislang bei deinem kreativen Business?

Betül: Die wertvollste Erkenntnis war es, dass Brainstorming und Kundenkontakt so viel Inspiration in sich birgt. Auch lernt man durch die Plattform Instagram neue, wertvolle Menschen kennen. Zudem habe ich dieses Jahr durch das Sammeln und Trocknen der Blüten für meinen Schmuck die Jahreszeiten viel bewusster durchschritten, war öfter in der Natur und habe die Vielschichtigkeit der Farben und Gestalten der Flora und Fauna viel intensiver wahrgenommen. Man sieht sie Welt stets aus der Perspektive, auf die man sich fokussiert.

ZRN: Könntest du dir vorstellen, deine bisherige Arbeit zu erweitern?

Betül: Ja, das ist zwangsläufig, weil ich mit den Wüschen der KundInnen wachse und stets auf sie eingehe.

ZRN: Was würdest du anderen jungen Unternehmern, die in den Startlöchern ihres eigenen Social Entrepreneurships stehen, mit auf den Weg geben?

Betül: Klein anfangen, nicht aufgeben, vor allem netzwerken und austauschen, und stets offen für Kritik sein, um das Produkt oder das Konzept den Wünschen und Bedürfnissen der Zielgruppe anzupassen. Ich habe die Schmuckgestaltung damals von einer Dame aus Adana, Heimatstadt meiner Eltern, in der Türkei gelernt. Ich entdeckte sie vor ihrer Haustür am Werkeln, woraufhin sie mir eine kleine Einführung gab. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, /Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“ -Hesse „Stufen“

Wenn wir stets Feuer und Flamme für unsere Ziele im Leben einstehen würden, könnten kleine Stufen in ihrer Gesamtheit Vehementes bewirken. Irgendwo in dieser Welt schlummern Menschen und Potentiale, die das gleiche Träumen wie ihr, oder schon Meilensteine für euch gelegt haben. Vernetzt euch, teilt eure Kenntnisse, entwickelt, wachset. Die Synergie dieser Kräfte bringt eine wertvolle Emergenz hervor. Bleibt dran an euren Träumen.

ZRN: Betül, vielen Dank nochmal für das anregende Gespräch! Wir können sicherlich alle etwas von dir lernen und wünschen dir weiterhin viel Erfolg.

 

Über Betül Mis: 

IMG_8454
Betül Mis ist Studentin der Philosophie, Politik und Ökonomik an Universität Witten/ Herdecke und engagiert sich bei WoW e.V. und im TeamGLOBAL der Bundeszentrale für Politische Bildung. Neben ihrem vielfältigen Engagement ist sie auch seit 2017 bei dem Zahnräder Netzwerk im Communications Team aktiv und steckt hinter unseren Posts auf unseren Social Media Kanälen. Das Engagement beim Zahnräder Netzwerk bedeutet für sie Weiterentwicklung. Auf uns gestoßen ist sie durch die Gründerin Kübra Gümüsay. Was sie an Zahnrädern besonders begeistert? Die Fruchtbarkeit der Vielfalt der muslimischen Bekenntnisse, die dem Netzwerk seine dynamische Gestalt verleiht. Unterstützen könnt ihr sie durch den Kauf ihrer Accessoires auf:  https://www.instagram.com/betueliful/

Autor: Seyma Nur Alarslan

By |Mittwoch, 16 Mai, 2018|News|1 Comment

„Es gibt nichts gutes, außer man tut es.“ – Erich Kästner – Aber wie?

Ali Aslan Gümüsay, Gründungsvorsitzender des Zahnräder Netzwerks (2010) und zurzeit Postdoktorand an der Universität Hamburg, publizierte in den vergangenen Wochen drei Artikel, die die Themen Soziales Unternehmertum und Religion tangieren und die Wichtigkeit von Netzwerken, wie das Zahnräder Netzwerk, betonen.

Herausforderungen für GründerInnen

Im ersten Artikel „Individual and organizational inhibitors to the development of entrepreneurial competencies in universities“, erschienen im „Research Policy“ hat Gümüsay das akademische Unternehmertum analysiert, was ausschlaggebend für die Bedarfsanalyse war, welchen Herausforderungen GründerInnen sich bei der Erlangung unternehmerischer Kompetenzen stellen müssen und wie Universitäten diesen entgegentreten können.

Junge GründerInnen stehen bereits im ersten Schritt vor der größten Herausforderung: Wie kann ich unternehmerische Kompetenzen vor der Gründung erwerben, um gewerbliche Unternehmungen erst erfolgreich angehen zu können? Beim Erwerb unternehmerischer Kompetenzen benennt Gümüsay zusammen mit seinem Co-Autor Bohné drei Herausforderungen: die strukturellen, kulturell-kognitiven und relationalen Hemmnisse.  Letztere Beziehungshemmnisse drücken betroffene GründerInnen mit ihrer Angst vor falschen Informationen über eine Unternehmensgründung und einem fehlenden, vertrauenswürdigen Netzwerk aus (Dis- & misconnection). Insbesondere fehle ihnen während der Gründungsphase der Kontakt zu WissenschaftlerInnen mit früherer industrieller Erfahrung, mit denen GründerInnen die kommerzielle Dimension ihrer Erfindung erforschen können (Distance). Distanz und schlechte Konnektivität zu Schlüsselpersonen werden somit unter Beziehungshemmnissen zusammengefasst. Diese stellen nach Gümüsay eine neue und vehemente Hemmnis bei der Entwicklung unternehmerischer Kompetenzen dar. Erfahrene akademische UnternehmerInnen überbrücken diese Herausforderungen durch Gründung eigener Netzwerke für aufstrebenden akademischen UnternehmerInnen, um Wissen, Kontakte und Motivation zu bündeln und Hilfestellung, Ermutigung und Mentoring anzubieten. Aus genau dieser Idee heraus ist auch das Zahnräder Netzwerk entstanden.

Hier geht’s zur Publikation

 

Unternehmerische Möglichkeiten

Im zweiten Artikel „Unpacking entrepreneurial opportunities: an institutional logics perspective“, erschienen in der Zeitschrift „Innovation: Organization & Management“, entwickelt Gümüsay ein neues Verständnis über unternehmerischen Möglichkeiten, indem er Unternehmertum mit sozialen und religiösen Werten verknüpft und aufzeigt, wie unternehmerische Chancen aus alternativen Perspektiven, insbesondere unter Berücksichtigung von Gemeinschaft und Religion, vielfältig bewertet werden können und wie sich dadurch neue unternehmerische Chancen ergeben.

Soziales Unternehmertum bzw. Social Entrepreneurship, nach Gümüsay eine wichtige neue Perspektive, verbindet unternehmerisches, also marktorientiertes Handeln mit einem sozialen Zweck. Dieser Zweck kann jegliche gesellschaftliche Bereiche, wie Bildung, Armut, Umwelt oder Gesundheit tangieren.  Gümüsay knüpft an Thornton, Ocasio und Lounsbury (2012) an, die sieben institutionelle Ordnungen und damit verbundene Logiken beschreiben: Familie, Gemeinschaft, Religion, Staat, Markt, Beruf und Unternehmen. Diese „Leitlinien zur Interpretation und Funktion in sozialen Situationen“ beeinflussen, wie wir unternehmerische Chancen wahrnehmen und verfolgen. Während die Religion eine der am wenigsten erforschten Logiken sei, präge sie, als eine der Kerndimensionen einer Person, auch ihre Unternehmungen und schlussfolgernd das Unternehmen selbst. Religiöses Unternehmertum verbindet nach Gümüsay marktwirtschaftliche, soziale und religiöse Anliegen. Der Begriff „wor(k)ship“ betone die Bedeutung von Arbeit und Gottesdienst und damit die Komplexität der unternehmerischen Möglichkeiten. Auch das Zahnräder Netzwerk könne an dieser Stelle als ein Ort verstanden werden, wo MuslimInnen in Deutschland von der religiösen Maxime „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ (Dschâmiu’s Sağîr) angetrieben, unternehmerische Ziele verfolgen.

Das Zahnräder Netzwerk unterstützt muslimische SozialunternehmerInnen bei der Realisation vielfältiger Projekte – von der Idee über die Umsetzung bis hin zum Endergebnis. Getreu dem Motto: von Muslimen für die Gesellschaft – Für mehr Teilnahme und Teilhabe an unserer Gesellschaft.

Individuen und Organisationen können sich dem institutionellen Pluralismus stellen und somit von mehreren institutionellen Logiken gleichzeitig geprägt sein, wodurch unternehmerische Chancen durch eine Kombination dieser Logiken definiert und verfolgt werde. UnternehmerInnen, die ihre Unternehmung aus pluralen Perspektiven prägen, benötigen Bewertungsmechanismen, um institutionelle Spannungen zu lösen, da der institutionelle Pluralismus zu Zielkonflikten zwischen unterschiedlicher Logiken führen könne.

Hier zur Publikation

 

Islamisches Unternehmertum

Im dritten Artikel „The Potential for Plurality and Prevalence of the Religious Institutional Logic“, der im „Business & Society“ erschien, erwähnt Gümüsay das Zahnräder Netzwerk als Inkubator, der unternehmerische und soziale Aktivitäten fördert- ganz im Sinne islamischer Werte.

In diesem Artikel erläutert Gümüsay, dass die Perspektive der institutionellen Logik besonders förderlich sei, um die Rolle von Religion auf der Makroebene für Organisationen zu untersuchen. Hierbei setzt er bewusst an der institutionellen Logik an, da diese im Einklang mit der Perspektive der religiösen Logik stünde, und genau so „das sozial konstruierte, historische Muster materieller Praktiken, Annahmen, Werte, Überzeugungen und Regeln ist, mit denen Individuen ihre materielle Existenz produzieren und reproduzieren, Zeit und Raum organisieren und ihrer sozialen Realität Bedeutung“ verleihe (Thornton & Ocasio, 1999). So kann auch die Religion mit weiteren Fragen der Wirtschaft und Gesellschaft in Verbindung gebracht werden. Er ruft auf, die Rolle der Religion in einer postsäkulären Gesellschaft zu überprüfen, da Religionen bei genauerer Beobachtung des wertebasierten Unternehmertums eine wichtige Quelle von Werten und Bedeutungen aufzeigen.

Islamisches Unternehmertum sei ein lehrreiches Beispiel, um die Tragweite und die latente Rolle von Religionen in der Wirtschaft aufzuzeigen. Es sei nicht einfach eine Kombination von Islam und Unternehmertum, sondern vielmehr eine Transformation des Wirtschaftens durch Religion, da religiöse Richtlinien Überzeugungen und Verhaltensweisen, Produkte, Prozesse und Praktiken beeinflussen. Islamic Entrepreneurship bestünde aus drei miteinander verflochtenen Säulen: Wertschöpfung, Werteverwirklichung und ein metaphysisches Streben nach Gott.

Der Islam spezifiziere die Wertschaffung durch Werte, wie gegenseitiges Einverständnis bei unternehmerischen Kooperationen, Achtung gegenüber Natur, Tier, Arbeiterrechte, wie die rasche Bezahlung des Lohns „bevor sein Schweiß trocknet.“ Das metaphysische Bestreben nach Gottes Wohlgefallen (Quran 51:56) wird so Zentral für die Unternehmung. Das Verbot von Alkohol, Glücksspiel, Pornographie und Zinsen beispielsweise begrenze bestimmte Marktaktivitäten und lege Grenzen und Anweisungen für Unternehmensaktivitäten fest.

Hier geht’s zur Publikation

Ein Buchkapitel über das Zahnräder Netzwerk kann übrigens hier heruntergeladen werden.

By |Dienstag, 10 April, 2018|News|0 Comments