Ali Aslan Gümüsay, Gründungsvorsitzender des Zahnräder Netzwerks (2010) und zurzeit Postdoktorand an der Universität Hamburg, publizierte in den vergangenen Wochen drei Artikel, die die Themen Soziales Unternehmertum und Religion tangieren und die Wichtigkeit von Netzwerken, wie das Zahnräder Netzwerk, betonen.

Herausforderungen für GründerInnen

Im ersten Artikel „Individual and organizational inhibitors to the development of entrepreneurial competencies in universities“, erschienen im „Research Policy“ hat Gümüsay das akademische Unternehmertum analysiert, was ausschlaggebend für die Bedarfsanalyse war, welchen Herausforderungen GründerInnen sich bei der Erlangung unternehmerischer Kompetenzen stellen müssen und wie Universitäten diesen entgegentreten können.

Junge GründerInnen stehen bereits im ersten Schritt vor der größten Herausforderung: Wie kann ich unternehmerische Kompetenzen vor der Gründung erwerben, um gewerbliche Unternehmungen erst erfolgreich angehen zu können? Beim Erwerb unternehmerischer Kompetenzen benennt Gümüsay zusammen mit seinem Co-Autor Bohné drei Herausforderungen: die strukturellen, kulturell-kognitiven und relationalen Hemmnisse.  Letztere Beziehungshemmnisse drücken betroffene GründerInnen mit ihrer Angst vor falschen Informationen über eine Unternehmensgründung und einem fehlenden, vertrauenswürdigen Netzwerk aus (Dis- & misconnection). Insbesondere fehle ihnen während der Gründungsphase der Kontakt zu WissenschaftlerInnen mit früherer industrieller Erfahrung, mit denen GründerInnen die kommerzielle Dimension ihrer Erfindung erforschen können (Distance). Distanz und schlechte Konnektivität zu Schlüsselpersonen werden somit unter Beziehungshemmnissen zusammengefasst. Diese stellen nach Gümüsay eine neue und vehemente Hemmnis bei der Entwicklung unternehmerischer Kompetenzen dar. Erfahrene akademische UnternehmerInnen überbrücken diese Herausforderungen durch Gründung eigener Netzwerke für aufstrebenden akademischen UnternehmerInnen, um Wissen, Kontakte und Motivation zu bündeln und Hilfestellung, Ermutigung und Mentoring anzubieten. Aus genau dieser Idee heraus ist auch das Zahnräder Netzwerk entstanden.

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Unternehmerische Möglichkeiten

Im zweiten Artikel „Unpacking entrepreneurial opportunities: an institutional logics perspective“, erschienen in der Zeitschrift „Innovation: Organization & Management“, entwickelt Gümüsay ein neues Verständnis über unternehmerischen Möglichkeiten, indem er Unternehmertum mit sozialen und religiösen Werten verknüpft und aufzeigt, wie unternehmerische Chancen aus alternativen Perspektiven, insbesondere unter Berücksichtigung von Gemeinschaft und Religion, vielfältig bewertet werden können und wie sich dadurch neue unternehmerische Chancen ergeben.

Soziales Unternehmertum bzw. Social Entrepreneurship, nach Gümüsay eine wichtige neue Perspektive, verbindet unternehmerisches, also marktorientiertes Handeln mit einem sozialen Zweck. Dieser Zweck kann jegliche gesellschaftliche Bereiche, wie Bildung, Armut, Umwelt oder Gesundheit tangieren.  Gümüsay knüpft an Thornton, Ocasio und Lounsbury (2012) an, die sieben institutionelle Ordnungen und damit verbundene Logiken beschreiben: Familie, Gemeinschaft, Religion, Staat, Markt, Beruf und Unternehmen. Diese „Leitlinien zur Interpretation und Funktion in sozialen Situationen“ beeinflussen, wie wir unternehmerische Chancen wahrnehmen und verfolgen. Während die Religion eine der am wenigsten erforschten Logiken sei, präge sie, als eine der Kerndimensionen einer Person, auch ihre Unternehmungen und schlussfolgernd das Unternehmen selbst. Religiöses Unternehmertum verbindet nach Gümüsay marktwirtschaftliche, soziale und religiöse Anliegen. Der Begriff „wor(k)ship“ betone die Bedeutung von Arbeit und Gottesdienst und damit die Komplexität der unternehmerischen Möglichkeiten. Auch das Zahnräder Netzwerk könne an dieser Stelle als ein Ort verstanden werden, wo MuslimInnen in Deutschland von der religiösen Maxime „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ (Dschâmiu’s Sağîr) angetrieben, unternehmerische Ziele verfolgen.

Das Zahnräder Netzwerk unterstützt muslimische SozialunternehmerInnen bei der Realisation vielfältiger Projekte – von der Idee über die Umsetzung bis hin zum Endergebnis. Getreu dem Motto: von Muslimen für die Gesellschaft – Für mehr Teilnahme und Teilhabe an unserer Gesellschaft.

Individuen und Organisationen können sich dem institutionellen Pluralismus stellen und somit von mehreren institutionellen Logiken gleichzeitig geprägt sein, wodurch unternehmerische Chancen durch eine Kombination dieser Logiken definiert und verfolgt werde. UnternehmerInnen, die ihre Unternehmung aus pluralen Perspektiven prägen, benötigen Bewertungsmechanismen, um institutionelle Spannungen zu lösen, da der institutionelle Pluralismus zu Zielkonflikten zwischen unterschiedlicher Logiken führen könne.

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Islamisches Unternehmertum

Im dritten Artikel „The Potential for Plurality and Prevalence of the Religious Institutional Logic“, der im „Business & Society“ erschien, erwähnt Gümüsay das Zahnräder Netzwerk als Inkubator, der unternehmerische und soziale Aktivitäten fördert- ganz im Sinne islamischer Werte.

In diesem Artikel erläutert Gümüsay, dass die Perspektive der institutionellen Logik besonders förderlich sei, um die Rolle von Religion auf der Makroebene für Organisationen zu untersuchen. Hierbei setzt er bewusst an der institutionellen Logik an, da diese im Einklang mit der Perspektive der religiösen Logik stünde, und genau so „das sozial konstruierte, historische Muster materieller Praktiken, Annahmen, Werte, Überzeugungen und Regeln ist, mit denen Individuen ihre materielle Existenz produzieren und reproduzieren, Zeit und Raum organisieren und ihrer sozialen Realität Bedeutung“ verleihe (Thornton & Ocasio, 1999). So kann auch die Religion mit weiteren Fragen der Wirtschaft und Gesellschaft in Verbindung gebracht werden. Er ruft auf, die Rolle der Religion in einer postsäkulären Gesellschaft zu überprüfen, da Religionen bei genauerer Beobachtung des wertebasierten Unternehmertums eine wichtige Quelle von Werten und Bedeutungen aufzeigen.

Islamisches Unternehmertum sei ein lehrreiches Beispiel, um die Tragweite und die latente Rolle von Religionen in der Wirtschaft aufzuzeigen. Es sei nicht einfach eine Kombination von Islam und Unternehmertum, sondern vielmehr eine Transformation des Wirtschaftens durch Religion, da religiöse Richtlinien Überzeugungen und Verhaltensweisen, Produkte, Prozesse und Praktiken beeinflussen. Islamic Entrepreneurship bestünde aus drei miteinander verflochtenen Säulen: Wertschöpfung, Werteverwirklichung und ein metaphysisches Streben nach Gott.

Der Islam spezifiziere die Wertschaffung durch Werte, wie gegenseitiges Einverständnis bei unternehmerischen Kooperationen, Achtung gegenüber Natur, Tier, Arbeiterrechte, wie die rasche Bezahlung des Lohns „bevor sein Schweiß trocknet.“ Das metaphysische Bestreben nach Gottes Wohlgefallen (Quran 51:56) wird so Zentral für die Unternehmung. Das Verbot von Alkohol, Glücksspiel, Pornographie und Zinsen beispielsweise begrenze bestimmte Marktaktivitäten und lege Grenzen und Anweisungen für Unternehmensaktivitäten fest.

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Ein Buchkapitel über das Zahnräder Netzwerk kann übrigens hier heruntergeladen werden.